Vor 80 Jahren: Die Reichspogromnacht in Moers

Erinnern an den Holocaust: Vor 80 Jahren: Die Reichspogromnacht in Moers

Ein Attentat lieferte den Nazis den Vorwand für die „Reichskristallnacht“: Der Jude Hershel Grynszpan, 17 Jahre alt, schoss in Paris einen deutschen Diplomaten nieder. Die Nazis sprachen von einer internationalen jüdischen Verschwörung.

Die anschließenden geplanten Gewaltaktionen gegen Juden inszenierten sie als „spontane Volkserhebung“. Vor allem SA, SS und Hitlerjugend wüteten. „Privatpersonen haben sich an dieser antisemitischen Aktion kaum beteiligt“, schreibt Brigitte Wirsbitzky in ihrer „Geschichte der Moerser Juden nach 1933“. „Die meisten Menschen standen als stumme Zuschauer dabei, die nichts zu verhindern vermochten.“

Das Synagogenhaus (Mitte, rechts die Oberwallstraße), nach dem Krieg. Es wurde 1977 abgerissen. Foto: nn/NN

In Moers drangen Nazis am Morgen des 10. November 1938 in die Synagoge an der Friedrichstraße ein, zertrümmerten Fenster, zerschlugen die Einrichtung, schändeten Kultgegenstände. Wirsbitzki: „Das Heiligste, die Torah-Rollen, ging im Feuer auf. Der Eingang zur Synagoge wurde dann mit Brettern vernagelt und über den Eingang mit Farbe geschmiert: ,Dieser Talmud-Stall ist für immer geschlossen.‘“ Angezündet wurde die Synagoge wohl nur deshalb nicht, weil benachbarte Häuser in Gefahr gewesen wären.

Auch Geschäfte und Häuser in der Innenstadt wurden demoliert. Bei Hermann Bähr, Arzt und Vorsteher der Synagogengemeinde, schlug der Mob die Scheiben ein. „SA-Leute zwangen ihn vor den Augen umherstehender ,Schaulustiger‘, das Glas aufzufegen“, schreibt Wirsbitzki. „Dabei traktierten ihn SA-Leute mit Fußtritten.“

Der Grafschafter schrieb später von der „Notwehr des Volkes – gegen den jüdischen Geist des Hasses“. „So machte sich die Empörung des Volkes hier und da in drastischen Handlungen Luft, wodurch einige Scheiben und Schilder in Trümmer fielen und den Juden den Anlass gaben, ihre Ramschläden mit Brettern zu vernageln“, log die gleichgeschaltete Presse. Wie Wirsbitzki weiter schreibt, erlaubten die Anweisungen der Gestapo auch, jüdische Wohnungen zu zerstören. „Was in dieser Hinsicht in Moers passierte, ist kaum bekannt, denn die meisten Moerser Juden, die das Pogrom erlebten, konnten danach nicht mehr aus Nazi-Deutschland fliehen.“ Es gab offenbar Plünderungen und Diebstähle. Eine Zeitzeugin berichtete, dass ihr Bruder von einem SA-Mann verfolgt wurde, der ihn zu erschlagen drohte. „Der Bruder konnte sich verstecken und später zu Freunden nach Krefeld fliehen.“ Viele jüdische Männer wurden in der Nacht verhaftet. „Meist hielt man sie zunächst im öffentlichen Gefängnis fest, um sie einige Tage danach in Konzentrationslager zu verschleppen.“

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Wirsbitzki weiter: „Die Bilanz des Pogroms waren zerstörte und ausgebrannte Synagogen, demolierte und geplünderte Geschäfte, Wohnungen und Büros von Juden, verhöhnte, misshandelte, verhaftete und verschleppte und ermordete jüdische Menschen. Die Täter blieben unbehelligt.“

Am Synagogenbogen in der Moerser Altstadt wird am Freitag, 9. November, an die Pogromnacht erinnert. Die Gedenkstunde beginnt um 11 Uhr.

Quelle: Brigitte Wirsbitzki, „Geschichte der Moerser Juden nach 1933“, herausgegeben von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft Moers, Brendow-Verlag Moers, 1991.

(RP)
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