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Unterwegs in Moers: „Oedingsche Jonges“ rocken den Karneval

Unterwegs in Moers : „Oedingsche Jonges“ rocken den Karneval

Ob „Leev Marie“ oder „Kölsche Jung“: Die Stimmungsband aus Krefeld covert Brings, Kasalla und Co. perfekt und sorgt in allen Sälen für beste Stimmung. Nicht nur am Niederrhein. Bis Münster und ins Sauerland werden die sechs Musiker gebucht. Was der Name nicht verrät: Drei der Bandmitglieder kommen aus dem Gelderland.

Im Henri-Guidet-Zentrum im Moerser Ortsteil Kapellen tobt der Saal. Über 800 bunt kostümierte Frauen fordern eine Zugabe. Und die kommt. „Cordula Grün“ bringt noch einmal den Saal bei der Damensitzung der Karnevalsfreunde Holderberg zum Tanzen. Dabei wollte die Band das Lied erst gar nicht nehmen. Eher Ballermann als Karneval. Frank Mäkelburg, Mäcky gerufen, setzte sich durch und lag mit seinem Instinkt wieder einmal richtig. Großer Beifall, dreimal Helau und Abmarsch. Während der Nummernboy auf die Tische klettert, packen die „Oedingschen Jonges“ schnell ihre Sachen zusammen und verlassen die Bühne.

Die „Oedingschen Jonges“ sind für jeden Veranstalter eine sichere Bank. Sie spielen nur die großen Hits vor allem von Brings, den Höhnern, Paveiern, Kasala und Co. Wenn ihre Hits erklingen, kann nichts schief gehen. Das wissen die Literaten der Karnevalsgesellschaften zu schätzen. Seit 1993 gibt es die Band, wenngleich nicht mehr in der ursprünglichen Formation. Frank Mäkelburg, der auch um alles Organisatorische kümmert, ist der einzige, der von Anfang an dabei ist. Nachdem er damals Minister beim Uerdingener Karnevalsprinzen war, hatte er die Idee, mit seinem Schwager und Freunden einmal einen anderen Auftritt zu probieren. Musikalisch waren sie alle, denn sie gehören zu den Spielfreunden Uerdingen. Und das ist nicht irgendein Spielmannszug. In den Uniformen der Kölner Prinzengarde sorgen sie im Maritim, Gürzenich und anderen Kölner Sälen für den richtigen Ton, wenn das kölsche Traditionskorps einzieht. Sozusagen ein wichtiger Grundstein im kölschen Karneval und dem Dreigestirn ganz nah. Der Kölner Karneval ist eben nicht so wirklich ganz kölsch, wenn man genau hinschaut. Ein Auftritt bei der Weihnachtsfeier gefiel dem Publikum, ein weiterer folgte. Und plötzlich wollten sie auch andere Verein engagieren. Was sollen wir denn aufs Plakat schreiben? Einfach Oedingsche Jonges. Der Name war geboren. „Heute würde ich das nicht mehr so ortbezogen machen“, sagt Mäckie nach seinen Einblicken in das Karnevalsbusiness.

Die Oedingschen Jonges sind „semi-professionell“, wie Mäcky es formuliert. Was fast schon untertrieben ist, nicht nur weil auch reine Profimusiker dabei sind. Bestes Zeichen ist die Gelassenheit in Kapellen. Nach und nach trudeln die Musiker ein. Um 19.45 Uhr sind alle da und sie haben sich noch mal richtig begrüßt, da geht es schnell auf die Bühne. Der Veranstalter hatte sich schlicht verplant. Die Instrumente aufbauen, die Technik läuft und los geht es. Von null auf 100 in wenigen Sekunden. „Für die Ewigkeit“ ist das Eröffnungslied in dieser Session.

 Ein Gitarrensolo muss zelebriert werden: Tim Valentin mit Joe Froebe
Ein Gitarrensolo muss zelebriert werden: Tim Valentin mit Joe Froebe Foto: Steven Busse

Nach vielen Wechseln besteht die Band heute aus sechs Musikern zwischen 26 Jahren und „dem Alter, in dem man es nicht mehr verraten will“, so Mäcky. In der Besetzung Tim Valentin (Gesang), Joe Froebe (Sologitarre), Thorben Lang (Bass), Benjamin Hantke (Keyboard), Christian Kempkens (Drums) und Frank Mäkelburg (Rhythmusgitarre) sind sie unterwegs. Was der Name nicht verrät: Mit Valentin, Kempkens und Hantke sind es drei Musiker aus dem Gelderland, die da als Uerdinger die Säle rocken. Wobei Tim Valentin als Frontmann und Sänger automatisch auch zum Gesicht der Band wird. Seit vier Jahren ist er dabei, er hüpft und tanzt über die Bühne, als könnte er sich gar nichts anderes vorstellen als Karneval. Etwas ruhiger ist er hoffentlich im Alltag, wenn er als Schreiner zur Säge greift. Zu den Jonges kam er über das Kevelaerer Hip-Hop-Projekt „6th Records“. Benjamin Hantke, Musiklehrer und Profimusiker, hatte den ersten Kontakt zu den Oedingschen Jonges, konnte seinen Freund als Sänger empfehlen. Der Kreis schließt sich, weil heute auch Steven Busse, der mit Patrick Boetselaars das Kevelaerer Projekt samt Label an den Start brachte, die Band als Fotograf bei ihren Auftritten begleitet. Zu Christian Kempkens braucht man nicht viel zu sagen: Seit dem Electric Sound Orchester (ESO) und vor allem Groovekeller mit dem heute auch nicht ganz unerfolgreichen Johannes Oerding eine Nummer rund um Geldern, Musiklehrer und Schlagzeuger in vielen Bands wie „Treasure“ und bekanntermaßen auch am Schlagzeug eine Rampensau, was er bei seinen Auftritten der Jonges auch spüren lässt.

Das gehört zum Profi-Karneval: Warten auf den nächsten Auftritt: Beim Prinzentreffen in Uerdingen wird es später, die Musiker und Techniker stärken sich mit Currywurst, Sprite und Cola und quatschen in der Kälte vor der Terrassentür, die den „Back-Stage-Bereich“ (also die Terrasse des Lokals) vom kleinen Saal trennt. Heute Abend ist man entspannt, es gibt auch Tage, bei denen man ohne Auftritt wieder weiterfährt, weil der Veranstalter die Zeiten nicht einhält und der nächste Termin ansteht. Die Verträge sind im Karneval bei diesem Thema eindeutig. Als es endlich losgeht, sind viel der Gäste im Gespräch vertieft. Egal: die Oedingschen Jonges liefern genauso professionell und engagiert wie bei der Damensitzung und verlassen auch hier erst nach der Zugabe das Lokal.

 „Mäckie“ Frank Mäkelburg ist das einzige Bandmitglied, das von Anfang an dabei ist.
„Mäckie“ Frank Mäkelburg ist das einzige Bandmitglied, das von Anfang an dabei ist. Foto: Steven Busse

Gut 40 Auftritte stehen mittlerweile in einer Session auf dem Programm. Am stärksten ist der Samstag vor Kleinkarneval. Sechsmal geht es auf die Bühne. Dazu eine große Show am Freitag, auch noch Termine am Sonntag. „Hoffentlich machen das meine Finger mit“, fragt sich Bassist Thorben Lang. Für das alles muss auch geprobt werden. Lange gab es wöchentliche Treffen, da man sich dank moderner Technik auch allein gut auf neue Songs und Medleys vorbereiten kann, reichen nun 14-tägliche Proben in Krefeld.

 Bekannt für seine Showeinlagen: Christian Kempkens
Bekannt für seine Showeinlagen: Christian Kempkens Foto: Steven Busse

Techniker Jan Idahl gibt plötzlich das iPad an die „Roadies“ Hans-Gerd Marsch und Christian Leuckers ab, rennt hektisch auf die Bühne. Ein Kabel hat sich gelöst. Anfangs stand das Mischpult neben dem Schlagzeug, heute wird per WLAN abgemischt. Für die Musiker sind vor allem die kleinen Kopfhörer im Ohr ein Segen, mit denen sie sich selbst viel besser hören als über Monitorlautsprecher. Trotzdem ist man in fremden Sälen immer abhängig von er Technik vor Ort: Und ohne kräftigen Sound macht die Jonges-Musik keinen Spaß. Vieles kann schiefgehen. Höhepunkt war ein Auftritt bei den Holderberger Karnevalsfreunden, als diese noch ein Zelt aufbauten. Die Jonges legten los, und der Strom verabschiedete sich komplett. Bei aller Technik ist eins wichtig: Es wird komplett live gespielt.

Neben dem Probenraum und der eigene Anlage ist natürlich auch die Logistik wichtig. Ein Lieferwagen für die Technik und ein eigener Bus machen die Jonges mobil. Das Autohaus am Ruhrdeich Opel mit Verkaufsleiter Marc Frimmersdorf sponsert die Band und stellt das Fahrzeug für die Session zur Verfügung.

Was treibt die Band an? Klar, man kann im Karneval Geld verdienen. Mäcky ist im Karneval zuhause, kennt nicht nur in Krefeld jeden, der mit Narrenkappe unterwegs ist. Trotzdem: „Manchmal denke ich, wenn ich losfahre, so ein Abend auf dem Sofa wäre auch mal schön.“ Aber das ist längst vergessen, wenn es auf die Bühne geht. Hier hat sich eine Truppe zusammengefunden, die Spaß an der Musik hat, die nicht nur Kollegen sind, sondern auch ein Freundeskreis. Tim Valentin: „Mir hat Karneval schon immer Spaß gemacht. Und Musik sowieso. Das ist also perfekt.“

Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei. Die Oedingschen Jonges sind keine reine Karnevalsband, sondern werden auch außerhalb der fünften Jahreszeit immer mehr gebucht. So spielen sie auf Schützenfesten, Firmenfeiern, Straßenfesten und auf allen Veranstaltungen, auf denen ausgelassen gefeiert werden soll. Zu den kölschen Liedern kommen dann Party-Klassiker und aktuelle deutschsprachige Hits. Brings, Klaus Lage, Höhner und Westernhagen funktionieren immer. „Aber alles deutschsprachig“, betont Mäcky.