Moers Festival: Tradition und junge Wilde

Moers Festival : Tradition und junge Wilde

John Zorn gab dem Jazz-Festival am Wochenende in Moers Takt und Rhythmus vor. Obwohl der US-amerikanische Komponist, Saxofonist, Arrangeur und Bandleader erst spät am Abend zum ersten Mal sein Instrument im Zirkuszelt erklingen ließ, präsentierte er sich als vielseitiger und wandlungsfähiger Künstler, der sich absolut sicher in den Musik-Genres bewegt.

Beim Song-Projekt, einer Retrospektive auf die besten Stücke Zorns der vergangenen 30 Jahre, sprengte er zusammen mit den Sängern Mike Patton, Sofia Rei, Jesse Harris und seinem All Star Ensemble die Grenzen von Jazz, Rock und Pop. Südamerikanische Balladen und Blues- und Jazz-Rhythmen wechselten sich geschmeidig mit ohrenbetäubendem Punk ab.

Mittelalterliche Klänge

Einen besseren Auftakt für das letzte Moers Festival im Freizeitpark hätte es nicht geben können. 2014 zieht das Festival aus Kostengründen in eine Konzerthalle um. Viele Festival-Fans befürchten, dass die Veranstaltung ohne Camper und Händler ihre besondere Atmosphäre verliert. Publikumsmagnet Zorn, dem anlässlich seines 60. Geburtstags der erste Tag gewidmet war, setzte seinem Song-Projekt eins drauf. Mit dem Stück "Holy Visions", dargeboten von einem fünfköpfigen Frauenchor, brachte Zorn mittelalterliche Klänge ins Festivalzelt. "Holy Visions" ist ein Mysterienspiel in lateinischer Sprache, das sich um das Leben und Schaffen der Nonne Hildegard von Bingen rankt. Anschließend unternahm er mit dem renommierten Arditti String Quartett die musikalische Examination der Mysterien eines Alchemisten-Labors im 16. Jahrhundert.

Der Facettenreichtum setzte sich an den weiteren Festivaltagen im Programm fort. Festivalchef Reiner Michalke bot den Zuhörern einen Mix aus Jazztradition und jungen Wilden. Mit Jenny Hval präsentierte er zum Beispiel eine junge Sängerin aus Norwegen, deren glockenhelle Stimme zuweilen an Kate Bush erinnerte. Ihr Repertoire, das zwischen Folk und Pop, Konzept und Lyrik angesiedelt ist, kam an — obwohl es festivaluntypisch ist, da man sich der improvisierenden Musik verschrieben hat. Ein anderes Stimmwunder erlebte das Publikum in Sidsel Endresen, die von Stian Westerhus an der Gitarre begleitet wurde. Das, was wie eine fremde, mystische Sprache aus einer anderen Welt klang, war Lautmalerei.

Sympathischer Botschafter

Ein Schwerpunkt lag auf Gesang. So viele Singer/Songwriter erlebt man selten in Moers. Als sympathischer Botschafter des Moers Festivals erwies sich Stadtmusiker Michael Schiefel, der sein Platypus Trio mitbrachte. Er überraschte mit einem poetischen Lied über ein Schnabeltier, das er in einem ungewöhnlichen, aber humorvollen Sprechgesang darbot.

Mit dem Martin Fondse Orchestra kam Brasiliens Superstar Lenine nach Moers. In seiner Heimat füllt er Stadien, hierzulande ist der Musiker mit der warmen Stimme noch unbekannt. Das Publikum erlebte die tanzbare Begegnung von Samba und Avantgarde, temperamentvolle und beschwingte Musik, die vielen später als Ohrwurm im Kopf hängen blieb. Im Kontrast dazu ließ Caspar Brötzmann mit seinem Trio "Nohome" die Bässe wummern — Kategorie "ohrenbetäubend".

Das Jazz-Festival endete, so wie es begonnen hatte: mit zwei Helden der improvisierten Musik. Evelyn Glenny, die seit ihrer Kindheit fast taub ist und sich ganz auf Percussion konzentriert, und Fred Frith (Gitarre) verzauberten das Publikum mit ihren experimentellen und rhythmischen Klangwelten.

Hier geht es zur Bilderstrecke: John Zorn: Toller Auftritt beim Moers Festival

(RP/sgo)
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