Unsere Woche: Tierschützer überschreiten Grenze

Unsere Woche: Tierschützer überschreiten Grenze

Ein Bericht unserer Zeitung hat dazu beigetragen, dass ein mutmaßlicher Tierquäler identifiziert werden konnte. Der Fall löste im Internet heftige Diskussionen aus.

Das Thema, das unsere Leser in der vergangenen Woche am meisten bewegte, waren die Artikel über Fälle von Tierquälerei im Stadtpark. Zeugen hatten beobachtet, wie ein Unbekannter angeblich Enten und Schwäne schlug und sogar Küken zertrat. Zuerst wurde auf anonymen Zetteln über den Fall berichtet, die im Schlosspark hingen; dann fand die Nachricht über soziale Medien weitere Verbreitung.

Erst als Recherchen unserer Redaktion ergaben, dass sich auch ein namentlich bekannter Zeuge bei den Behörden gemeldet hatte und die in dem Aushang beschriebenen Vorwürfe in einem Gespräch mit unserer Redaktion bestätigte, beschlossen wir, über den Fall zu berichten. Fotos, die den mutmaßlichen Tierquäler im Park zeigten, machten wir mit Hilfe technischer Mittel unkenntlich.

Dennoch trugen sie dazu bei, dass der Täter aufgrund seiner Kleidung identifiziert werden konnte, als er dabei war, die Warnzettel von den Bäumen zu reißen. Zeugen alarmierten die Polizei, die den Mann im Park antraf und seine Personalien feststellte. Unsere Redaktion hatte somit mit der Berichterstattung das Ziel erreicht. Der 71-Jährige wird die Tiere im Park vermutlich fortan in Ruhe lassen. Aber die Geschichte hat noch eine andere Seite: Der mutmaßliche Tierquäler ist demenzkrank, strafrechtlich also vermutlich nicht schuldfähig. Es ist unwahrscheinlich, dass es zu einem Gerichtsverfahren kommt, in dem festgestellt wird, ob sich die Vorgänge genau so abgespielt haben, wie Zeugen dies behaupten. Angehörige des 71-Jährigen können sich nicht vorstellen, dass der Mann Tiere verletzt hat. Er sei lediglich "wie ein Kind" Enten und Schwänen hinterhergelaufen. Auf Befragen habe er bestritten, Tiere jemals geschlagen, getreten oder gar getötet zu haben.

  • Ein junger Igel.
    Auf einer Wiese in Krefeld : Tierquäler zünden Igel im Park an

Das muss man nicht glauben. Aber auch das Gegenteil ist nicht bewiesen, solange ein Gericht kein Urteil gesprochen hat. Doch solche Feinheiten interessieren manche selbst ernannten Tierschützer nicht. Da wird in den sozialen Medien gehetzt und gepöbelt, dass einem speiübel werden kann. Der Sohn des 71-Jährigen berichtet, dass sein Vater im Park tätlich angegriffen worden sei. Auch das muss nicht stimmen. Es passt jedoch ins Bild einer aufgehetzten Meute, die ihre Gewaltphantasien zwar nicht an Tieren, dafür aber - zumindest verbal - an einem kranken Mann auslebt.

Menschen haben zu Tieren oft eine besondere emotionale Beziehung. Das ist auch gut so. Doch das darf nicht das Wertesystem einer zivilisierten Gesellschaft außer Kraft setzen. Ein schönes Wochenende! juergen.stock@rheinische-post.de

(RP)