Moers: Stolpersteine vorerst gestoppt

Moers: Stolpersteine vorerst gestoppt

Gedenktafeln auf dem Bürgersteig sollen an ermordete Juden erinnern. Die jüdische Theologin Dr. Edna Brocke sieht ihre Landsleute mit Füßen getreten. Der Fachausschuss verschob die Entscheidung in die Ratssitzung.

Heidelinde Heller erinnerte sich an ihre Kindheit. Wer auf dem Gehweg gestolpert war, dem wurde zugerufen "Da liegt ein Jud begraben". Deshalb hat die FDP-Politikerin ein schlechtes Gefühl, wenn sie heute in Zusammenhang mit der jüdischen Bevölkerung den Begriff "Stolpern" hört.

Das alles erzählte Heller am Donnerstag im Ausschuss für Stadtentwicklung, Planen und Umwelt (Aspu) beim Tagesordnungspunkt zum Thema Stolpersteine. Seit vielen Jahren wird in der Grafenstadt darüber diskutiert, sich an diesem Projekt zu beteiligen.

Dabei werden besonders gestaltete Steine in das umgebaute Pflaster an Stellen eingelassen, an den Menschen, die während des Nazi-Regimes verfolgt wurden, zuletzt in Freiheit gewohnt hatten. Eigentlich sollte im Aspu endlich die Umsetzung des Projektes beschlossen werden. Doch die Diskussion wurde in die Ratssitzung am 19. Oktober verschoben.

Hunde urinieren auf Steine

Heidelinde Heller ist nicht die einzige, die Bedenken hat. Gabriele Kaenders von der Fraktion Die Linke berichtete von Dr. Edna Brocke, der früheren Leiterin der Alten Synagoge in Essen. Heute lebt sie in Krefeld, davor war sie Moerserin. Die jüdische Theologin ist dagegen, die Namen ermordeter Juden in den Boden einzulassen. In ihren Augen tritt man dann auf diese Menschen.

  • Kleve : Stolpersteine erinnern an jüdische Mitbürger

Auch findet sie die Vorstellung abstoßend, Hunde könnten auf die goldenen Steine urinieren. "Ich kann sie verstehen", sagt Gabriele Kaenders. Sie wird sich in der Abstimmung Edna Brockes Meinung anschließen. Auch Otto Laakmann, Fraktionsvorsitzender der FDP, wird sich gegen die Stolpersteine entscheiden. Von den sechs FDP-Ratsmitgliedern sind drei pro und drei contra. "Wir geben die Entscheidung frei", so Laakmann.

Innerhalb der SPD gäbe es keine kontroverse Diskussion, sagt Hartmut Hohmann. Die Sozialdemokraten sind für die Gedenksteine. "Ich finde das Projekt wichtig", stellt Hohmann klar. Auch für die FBG ist es keine Frage. "Wir stimmen zu", sagt Claus-Peter Küster. Er findet es gar nicht so schlimm, dass das Thema kontrovers diskutiert wird. "Das führt dazu, dass man sich mit der Geschichte der Juden in unserer Stadt auseinandersetzt."

Mit Angehörigen gesprochen

Edna Brocke hat bei der Gründung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Moers 1987 mitgewirkt. Der Verein habe sich noch im Frühjahr bei der Mitgliederversammlung einstimmig pro Stolpersteine ausgesprochen, berichtet Hans-Helmut Eickschen. Man habe Angehörige Getöteter gefragt, ob es in Ordnung sei, wenn die Namen der Ermordeten auf der Straße stehen.

Die Gesellschaft will das Projekt teilweise finanzieren. "Vorrangig suchen wir Spender", sagt Eickschen. Ganz erstaunt über die neuerliche Diskussion zeigt sich auch Herbert Müller vom Verein "Erinnern für die Zukunft". Er und seine Vereinskollegen gingen nämlich davon aus: Jetzt können wir endlich mit dem Projekt loslegen!

(RP)
Mehr von RP ONLINE