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Fußball: "Sommermärchen ist nicht beschädigt"

Fußball : "Sommermärchen ist nicht beschädigt"

Fußball: Umfrage zu den Entwicklungen an der DFB-Spitze: Vertreter des Amateurfußballs im Kreis Moers äußern sich zum Rücktritt des Präsidenten, der Rolle der Medien, den Umgang mit Beschuldigten und das "Bauernopfer" Niersbach.

Vor knapp vier Wochen schrieb das Nachrichtenmagazin Spiegel, dass es vermutlich eine "Schwarze Kasse" beim Bewerbungskomitee des Deutschen Fußballbundes (DFB) vor der WM 2006 gegeben hat. Seither steht an der Spitze des mächtigen Verbands kaum noch ein Stein auf dem anderen. Am Dienstag trat DFB-Präsident Wolfgang Niersbach unter großem Druck der Öffentlichkeit zurück und übernahm damit die politische Verantwortung für den Skandal. Die RP-Sportredaktion sprach mit Vertretern des Amateurfußballs aus dem Kreis Moers.

Hans-Dieter Wichert, Kreisvorsitzender, äußert sich zu den Entwicklungen an der DFB-Spitze: "Traurig, dass es Dinge dieser Art beim DFB zu geben scheint. Ich bin nicht davon überzeugt, dass Niersbach mit den damaligen Machenschaften entscheidend zu tun hatte, aber er übernimmt Verantwortung. Das nötigt Respekt ab. Sollte Theo Zwanziger aus Rache gehandelt haben, als er dem Spiegel seine Informationen übergeben hat, dann wäre das ein absolut bescheidener Charakterzug. Sollte er sein Gewissen erleichtern und reinen Tisch machen wollen, dann käme dieser Schritt ein paar Tage zu spät. Was mich besonders nachdenklich macht: Es leidet auch wieder das Ehrenamt, auf das wir im Amateurbereich besonders angewiesen sind. Der DFB braucht an der Spitze jemanden, der eine absolut reine Weste hat."

 Torben Sowinski: " Kraft der Schlagzeile ist gewaltig."
Torben Sowinski: " Kraft der Schlagzeile ist gewaltig." Foto: arfi (archiv)
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Rainer Gansel, DFB-Stützpunkttrainer, beobachtet die Rolle der Medien: "Es fällt schwer, sich eine objektive Meinung zu bilden. Anfangs hielt ich die Berichterstattung für sehr unseriös. Der Spiegel hatte sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Niersbach war bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich unantastbar. Und dann kamen immer mehr Details ans Tageslicht. Plötzlich tritt er zurück, nachdem der Druck immer größer geworden ist. Und dann spürt man, dass eben doch etwas an den Vorwürfen dran sein muss. Mittlerweile glaube ich, dass die Herren im Bewerberkomitee einen klaren Plan hatten: Wir wollen die WM nach Deutschland holen - und setzen dafür alles auf eine Karte. Die Medien haben das gut recherchiert und herausgearbeitet. Niersbach, der ein Glücksfall für die Nachwuchsförderung im DFB war, hat sich nach meiner Einschätzung persönlich aber nicht bereichert.

Torben Sowinski, Trainer der DJK Labbeck-Uedemerbruch, macht sich Sorgen über den Umgang mit Beschuldigten: "Vorurteile werden in dieser Gesellschaft schneller verfestigt, weil die Medien meinungsmachend wirken. Die Kraft der Schlagzeile ist gewaltig. Niersbach ist auch zurückgetreten, weil er das Amt des Präsidenten nicht weiter beschädigen wollte. Ich bin überrascht darüber, welche Zustände beim DFB offensichtlich vorherrschen. Ein abschließendes Fazit ist mir heute über die Entwicklung an der DFB-Spitze nicht möglich, denn ich vermute, dass die Öffentlichkeit bisher nur die Spitze des Eisbergs kennt. Das Sommermärchen ist für mich nicht beschädigt, denn das war allein ein Verdienst der deutschen Fußball-Fans und der Nationalmannschaft."

Thilo Munkes, Trainer des SSV Lüttingen, sieht Niersbach als Bauernopfer für die Machenschaften der Mitglieder des Bewerberkomitees: "Ich habe das Buch Fifa-Mafia gelesen - hochinteressant. Es scheint ein völlig normales Geschäftsgebahren zu sein, eine WM zu kaufen. Es ist nicht richtig, dass es so läuft, aber man soll nun auch nicht alles verteufeln. Niersbach und Beckenbauer haben viel für das Image des Fußballs in Deutschland getan. Ich finde es schade, dass Niersbach zurückgetreten ist. Er hat einen tollen Job gemacht. Nutznießer sind aber auch andere wie beispielsweise VW. Die sind doch jetzt völlig raus aus den Schlagzeilen."

(RP)