Hockey: "Haben uns gegen alle Widerstände behauptet"

Hockey : "Haben uns gegen alle Widerstände behauptet"

Mit dem Tor zum 2:1 hatte der Moerser Benjamin Wess bei der Hockey-EM großen Anteil am deutschen 3:1-Finalsieg gegen Gastgeber Belgien.

Am Sonntag verteidigte der gebürtige Moerser Benjamin Wess mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft den EM-Titel, gestern machte er sich auf den Weg zu einem dreiwöchigen Urlaub in den USA. Verdient hat er ihn sich auf jeden Fall, schließlich er hatte er vor der EM auch noch seine Diplomarbeit abgegeben. Kurz vor seinem Abflug nach Amerika nahm sich der 28-Jährige noch die Zeit, um mit der RP über das erfolgreiche Turnier und seine Zukunft zu sprechen.

Herr Wess, was war anstrengender: der Finalerfolg gegen Belgien oder die anschließende Siegerparty?

Wess Dass wir Hockeyspieler besonders gut feiern können, wird immer ein bisschen zu sehr aufgebauscht. Ich denke, die Feiern bei Mannschaftssportlern im Allgemeinen sind immer etwas Besonderes, weil geteilte Freude eben doppelte Freude ist. Das Turnier war insgesamt sehr anstrengend, weil wir in Max Müller und Christopher Zeller schon vor dem Turnier den Ausfall von zwei Stammspielern verkraften musste, im Turnier kamen dann noch zwei Verletzungen hinzu.

Was hat letztlich den Ausschlag gegeben, dass Deutschland das Finale gegen Belgien noch drehen konnte?

Wess Unsere besondere Fähigkeit, uns gegen alle Widerstände zu behaupten. Wir mussten wegen des Handbruchs von Abwehrchef Martin Häner die Defensive umstellen, sind aufgrund einer strittigen Schiedsrichterentscheidung in Rückstand geraten und hatten das Publikum gegen uns. Dass alles haben wir ausgeblendet. Die komplette Mannschaft hat es wieder hinbekommen, im entscheidenden Moment ihre Bestleistung abzurufen.

Sie haben mit einer tollen Energieleistung den wichtigen Treffer zum 2:1 erzielt. Ein ganz besonderer Moment in ihrer Karriere?

Wess Im Endeffekt ist das natürlich etwas Besonderes. Aber in der Entstehung passiert alles in Sekundenschnelle, ich habe nicht einmal mitbekommen, wo der Ball im Tor eingeschlagen ist. Erst als meine Mitspieler gejubelt haben, war mir klar, was passiert ist. Das ist für mich persönlich natürlich toll, aber letztlich ist es egal, wer die Tore schießt. Wichtig ist, dass wir als Team überzeugt haben. Und das haben wir. Kein wirkliches Tor bei so einem Turnier kassiert zu haben, ist schon ein Wahnsinn.

Nachdem Sie im vorigen Jahr den Olympiasieg wiederholt haben, haben sie jetzt mit Deutschland den EM-Titel verteidigt. Mehr geht kaum, eigentlich könnten Sie den Schläger an den Nagel hängen.

Wess Ich habe vor vier Wochen meine Diplomarbeit im Fach Volkswirtschaft abgegeben und trete ab 1. Oktober einen Job bei einem Versicherungsunternehmen an. Es ist aber schon geklärt, dass ich die Weltmeisterschaft nächstes Jahr in Holland spielen kann. Die will ich auf jeden Fall noch mitnehmen. Danach plane ich, meine internationale Karriere zu beenden. Ich will mich aber nicht endgültig festlegen. Viel hängt auch davon ab, wie sich mein neuer Job und der Hockeysport unter einen Hut bringen lassen. Nach der WM mache ich auf jeden Fall eine Pause, und es kann eben sein, dass die niemals endet.

Ihr Bruder Timo hat nach Olympia seine Karriere beendet. Auch das hat das aktuelle Team gut verkraftet. Wo kommen die vielen guten Hockeyspieler in Deutschland her?

Wess Die sehr gute Jugendförderung ist eine große Stärke des Verbandes. Wenn die deutschen Fußballer bei einem Turnier mit so vielen Ausfällen von Stammspielern zu kämpfen hätten wie wir, würden sie bestimmt nicht als Favorit gelten. Bei uns wird das als Chance für junge Spieler gesehen, aus der Not wird eine Tugend gemacht. Im Finale gegen Belgien übernahm etwa Linus Butt aus Krefeld die Rolle des Abwehrchefs und hat gespielt, als hätte er noch nie etwas anderes getan. Daran haben natürlich auch die Bundestrainer einen großen Anteil, die sich untereinander sehr gut abstimmen und jungen Spielern immer wieder das Vertrauen schenken.

Also ist der Erfolg im deutschen Hockey für lange Zeit gesichert?

Wess Das ist leider nicht so, denn obwohl wir in jüngster Vergangenheit mit der Nationalmannschaft alles an Erfolgen abgeräumt haben, findet sich kein neuer Hauptsponsor. Das ist sehr schade, denn irgendwann wird das Geld fehlen, um die erfolgreichen Strukturen im Verband zu erhalten. Wenn die Erfolge da sind, jubeln viele mit, aber die finanzielle Unterstützung fehlt trotzdem. Wohin das führen kann, zeigt das Beispiel Spanien. Weil dort Geld fehlt, können weniger gemeinsame Trainingscamps abgehalten werden. Die Erfolge blieben zuletzt aus.

Apropos Talente. Bekommen Sie eigentlich mit, dass sich in Moers in Sachen Hockey wieder etwas tut?

Wess Sofern es möglich ist, verfolge ich das aus der Ferne. Ich habe noch Kontakt zu früheren Mannschaftskameraden. Ich habe zwar damals für den Moerser SC gespielt, und heute ist der MTV in Sachen Hockey sehr aktiv. Aber wichtig ist, dass der Sport in Moers weiterlebt. Dass der neue Hockeyplatz viele junge Spieler anlockt, ist eine tolle Sache.

Sind Sie eigentlich noch oft in Moers?

Wess Moers ist immer noch die Anlaufstelle für unsere Familientreffen bei den Eltern. Erst vor acht Wochen hat mein Bruder Timo geheiratet, demnächst erwartet meine Schwester ihr zweites Kind.

DAVID BEINEKE FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)