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Moers: Schlosstheater spielt Sicherheitsgroteske

Moers : Schlosstheater spielt Sicherheitsgroteske

Das Moerser Theater ist mit einer Rock-Revue in die Spielzeit gestartet. Die Uraufführung in der Festivalhalle wurde vor großem Publikum gespielt. Es erlebte klasse Musik, tolle Schauspieler und eine nicht immer schlüssige Inszenierung.

Eine Explosion. Das schmucke Haus stürzt ein, zerfällt in seine Einzelteile. Und damit das scheinbare Familienidyll. Musik setzt unvermittelt laut ein: "This is the End of the world" von R.E.M., gesungen vom Ensemble des Moerser Schlosstheaters. Es ist der Höhepunkt einer als Rock-Revue getarnten Groteske über das immer stärker werdende Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach persönlicher Freiheit und dem staatlichen Streben nach Sicherheit. Orwells "großer Bruder" (1984) lässt grüßen.

Intendant Ulrich Greb eröffnet die neue Spielzeit in der Festivalhalle am Solimare mit einem Stück, das vermutlichen den längsten Titel in der Geschichte des Schlosstheaters überhaupt hat: "The only thing that stops a bad guy with a gun is a good guy with a gun." Greb, der sich in dieser Spielzeit mit dem Thema Sicherheit beschäftigen will, fährt das große Besteck auf: ein um zwei Mitspieler verstärktes Ensemble, eine vierköpfige Band unter dem Dirigat von Otto Beatus, dem langjährigen musikalischen Leiter am Theater Oberhausen. Spektakulär, was das Publikum da trotz einiger Tonprobleme auf die Ohren bekommt.

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Das Ensemble singt sich durch die Musikgeschichte von Sinatra, Peter Gabriel über Rammstein und Eminem bis Genesis. Und zwar mitreißend gut, um nur Marissa Möller und Julia Meier hervorzuheben. Überhaupt zeigt sich das Theaterensemble mehr als spielfreudig nach der langen Sommerpause.

Die Inszenierung Grebs basiert auf einer umfangreichen Recherche über Krisen und Sicherheitspolitik, Privatarmeen sowie Terrorismusbekämpfung und die Überwachung des Einzelnen. Das Ergebnis ist eine Collage aus Zitaten, die unglaublich, aber wahr sind: "Es gibt unbekannte Unbekannte - es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen" (Ex-US-Außenminister Donald Rumsfeld). "Rein theoretisch könnte man sagen, das ist Big Brother, ein Programm, das Amok läuft." (US-Präsident Obama).

Der Regisseur realisiert das Thema geschickt, lässt es auf verschiedenen Ebenen spielen. Die einzige Sicherheit, die Zuschauern bleibt, ist, dass die Logik hier außer Kraft gesetzt scheint. Da sind zum Beispiel Nancy und Mike Henderson (Marissa Möller und Patrick Dollas), ein typisch amerikanisches Ehepaar, das sich eine Werbefernsehen-taugliche Idylle geschaffen hat - mit Haus und Garten. Bühnenbildnerin Birgit Angele hat dazu ein Haus in die Festivalhalle gebaut, drinnen flimmert der Fernsehbildschirm.

Über dieses Paar bricht ein Sturm herein - mit mysteriösen alten Bekannten, Datenpflastern, Sturmgewehren und einem vermummten Einsatzkommando, das die Wohnung verwüstet, am liebsten mit grillen würde und den Wunsch hegt, Militärdienst und Familie vereinen zu können - so zwischen acht und 16 Uhr. Parallel dazu kommentiert Donald D., aalglatter Politiker, vielleicht auch Lobbyist, vor einer blauen Wand weltpolitische Sicherheitsfragen. Verkörpert wird er bestens von Matthias Heße, dogmatisch und diabolisch überzeichnet.

Um diese Groteske komplett zu machen, lässt Regisseur Greb einen für das Publikum unsichtbaren Operator das Geschehen aus dem Hintergrund kommentieren. Die Stimme (Frank Wickermann) beschreibt das, was die Zuschauer sehen, greift aber auch als Ratgeber ins Spiel der Figuren ein. Dass das Publikum schon bald den Eindruck hat, mitten in einem Videospiel zu sitzen, in dem alles immer wieder auf Level 1 zurückgesetzt und "reloaded" wird, ist als theatraler Kniff gewollt und bringt das Surreale in die Inszenierung - schlüssiger wird sie dadurch aber nicht. Aber wie schrieb Ulrich Greb sich selbst ins Buch? "Wir mussten Dich reloaden, bevor die narrativen Widersprüche noch größer werden."

(RP)