Schlosstheater Moers feiert mit Schillers "Kabale und Liebe" Premiere.

Theater in Moers : Liebe, Intrige und mehr als eine Limonade

Das Schlosstheater hat erstmals in seiner Geschichte Schillers Drama „Kabale und Liebe“ auf die Bühne gebracht. Ulrich Greb hat sich in seiner Inszenierung aufs Wesentliche konzentriert: auf Schillers Sprache und auf Luise.

Man kommt nicht umhin, zuerst über das Ende dieser Inszenierung von Schillers „Kabale und Liebe“ zu sprechen: Das Glas mit der vergifteten Limonade ist geleert, die letzten Worte sind gesagt, Luise und Ferdinand, das romantische Liebespaar, liegen tot auf dem Boden. Die Schauspieler Lena Entezami und Patrick Dollas stehen auf und verneigen sich vor dem Publikum im Schloss, lächeln spitzbübisch, um dann unerwartet die letzte Szene von Neuem zu spielen: „Mein junges Leben und keine Rettung. Muss ich jetzt schon sterben?“ Fast zwei Stunden und 35 Minuten vergehen, bis Regisseur Ulrich Greb die Lunte anzündet und seiner Inszenierung den theatralen Sprengstoff einverleibt, der das Publikum zur Diskussion herausfordert. Der Intendant des Schlosstheaters hinterfragt Friedrich Schillers erdachtes Ende für Bürgerstochter Luise und konfrontiert die Zuschauer mit alternativen Schlusspunkten für „Kabale und Liebe“. Was ist Luise denn nun? Opfer, Selbstmörderin oder doch selbstbestimmte Täterin? Nur so viel: Dieses Drama endet im Moerser Schloss mit Humor. Und mit der Frage: Wie viele Gläser Limonade bedarf es hier eigentlich?

Schiller-Liebhaber wird dies möglicherweise nicht erfreuen. Dafür dürfen sie in dieser Inszenierung über weite Strecken Schiller pur erleben: Inmitten eines nackten Bühnenbildes, das überhaupt keine Ablenkung bietet, den Blick auf eine grau verspachtelte Rigipswand gerichtet, stellt Ulrich Greb im kalten Neonlicht die Sprache Schillers in den Fokus seiner Inszenierung, so pathetisch und derbe sie ist. Für die Schauspieler, aber auch fürs ungeübte Publikum ein Kraftakt. So ganz pur kommt der Greb’sche Schiller aber nicht daher: Die Irritationen und Brüche stecken im Detail: der Vorschlaghammer, mit dem die Trennwand durchschlagen wird, so dass das Dahinter durch ein Loch sichtbar wird, der Akkuschrauber, der wieder alles richtet, die Schüssel mit Spachtelmasse aus dem Heimwerkermarkt, ein Auge, das wie aus dem Nichts erscheint, und etliche Brillenträger. Der männliche Adel trägt bei Greb Brille, den Durchblick hat dieser aus heutiger Sicht natürlich nicht. Die Wand steht für das trennende Element zwischen Adelssohn und Bürgerstochter, zwischen Macht und dem vergeblichen Versuch Luises, das Trennende zu überwinden. Immer wieder rennt Lena Entezami als Luise gegen die Wand, so dass die Oberarme schon ganz rot sind. Ins Bild des typischen Frauenopfers, von dem Greb im Vorfeld angekündigt hatte, es in der Inszenierung hinterfragen zu wollen, passt ihr burschikoses Auftreten nicht.

Ihre „Luise“ ist selbstbewusst, widerspenstig und kämpferisch. Es macht Freude, mitzuerleben, wie sich das kleine Ensemble immer wieder mit Elan die großen Stücke erarbeitet, dieses Mal in prächtigen, nach historischem Vorbild gefertigten Kostümen von Kathi Maurer. Elisa Reining wagt sich an die Doppelrolle als Luises Mutter und als verruchte Lady Milford. Roman Mucha überzeugt als der arglistige Wurm ebenso wie Matthias Heße als Luises Vater und Patrick Dollas als Ferdinand, der gleichfalls Opfer des Intrigenspiels seines Vaters wird. Frank Wickermann darf in der Rolle von Ferdinands korruptem Vater, der gegen die Verbindung der beiden jungen Leute ist und vor allem verhindern will, dass seine Machenschaften öffentlich werden, nicht nur den skrupellosen Präsidenten, sondern auch den Lustmolch geben und damit für einen Aufreger am Rande sorgen: Er beobachtet lüstern, ob sein Verkupplungsversuch zwischen Ferdinand und Lady Milford gelingt. Dafür ist er in einen Stringtanga geschlüpft, trägt Peitsche und Augenbinde und stimmt Drafi Deutschers Schlager „Mamor, Stein und Eisen bricht“ an, bis der Miniatur-Kronleuchter wackelt.

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