Schlosstheater Moers: Essenz von Gretchen und Co. ist die Liebe

Theater in Moers : Essenz von Gretchen und Co. ist die Liebe

Uraufführung am Schlosstheater: Regisseurin Susanne Zaun nimmt den Theaterapparat selbst humorvoll unter die Lupe, lotet Machtfragen und das Wesen der Frauenfiguren aus. Sie stellt die „Mutter aller Fragen“.

158 Verse hat das Gretchen im Faust: 78 mit Ausrufezeichen, 23 mit Fragezeichen. Käthchen, Julia, Ophelia und all den anderen Frauenfiguren der klassischen Theaterliteratur ergeht es nicht viel besser. Was ist eigentlich das Wesen dieser Frauen? Regisseurin Susanne Zaun macht sich in ihrer Inszenierung „Die Mutter aller Fragen oder 25 Rollen, die eine Frau niemals spielten sollte“ spielerisch und lustvoll auf die Suche nach der Essenz dieser von Schriftstellern erdachten Frauenfiguren, die sich in jeder Inszenierung aufs Neue nach dem Mann verzehren und doch immer wieder den Bühnentod aus Liebe sterben. Am Mittwochabend fand die Uraufführung im Schlosstheater statt. Für Zaun sind die Figuren wie 25 süße Erdbeeren, die sie am Ende ihrer Exploration zusammen in einen Mixer wirft und püriert, um zu schauen, was dabei herauskommt. Dabei nimmt die Regisseurin den heutigen Theaterbetrieb spielerisch gleich mit unter die Lupe und beleuchtet ihn aus verschiedenen Perspektiven – aus Sicht der Schauspieler, der Autoren und der Rollen.

Ja, Theater darf sich auch mal mit sich selbst befassen. Beim Versuch, eine Antwort auf die Mutter aller Fragen zu finden, ist Susanne Zaun sogar höchst aktuell. Ihre Inszenierung, die sie mit dem Ensemble des Schlosstheaters erarbeitet hat, kommt fast zeitgleich mit der Veröffentlichung einer groß angelegten Studie des Theaterforschers Thomas Schmidt über die Machtstrukturen an Bühnen heraus. Ergebnis: Theater, deren Strukturen noch heute mehrheitlich patriarchal und hierarchisch organisiert sind, sind anfällig für Machtmissbrauch. Und so darf Schauspieler Matthias Heße in der Moerser Inszenierung gleich so richtig männlich vom Leder ziehen über die heutige Schonkost an deutschen Theatern, die so weich geworden sind, und über Gender- und Frauenthemen lästern. Oder an die guten, alten Zeiten erinnern, als Holk Freytag 1979 in Moers die Bacchantinnen von Euripides als Peepshow inszeniert hatte. Das Publikum erlebt ein Spiel im Spiel, die Übergänge sind fließend, die Perspektiven wechseln schnell. So findet sich Matthias Heße bald selbst auf der Besetzungscoach wieder, eingepfercht zwischen Lena Entezami und Elisa Reining, die seine Anmoderation der Aufführung mit triefenden Klischees kommentieren.

„Du kommst noch zu sympathisch rüber. Wir wollen einen stinkenden Puma!“, kritisieren sie ihn. Die Kevin Spaceys dieser Welt lassen grüßen. Die Versuchsanordnung, die da im Schlosstheater am Mittwochabend uraufgeführt wird, dreht sich bald so schnell wie die Drehbühne, die Mari-Liis Tigasson für das Stück ins Theater einbauen ließ. Bald diskutieren da Autoren wie Elfriede Jelinek in der Rolle von Virgina Woolf und im Kostüm des Käthchens bei einer Tasse Tee über die Rolle der Frau am Theater. Ja, hier wird nicht nur zweimal, sondern dreimal um die Ecke gedacht. Alsdann unterziehen die drei Schauspieler die großen Frauenrollen einem simplen Bechdel-Test, den die US-Komikzeichnerin Alison Bechdel konzipiert hat. Dieser wertet den Status von Frauenrollen daraufhin aus, ob eigenständige weibliche Figuren vorkommen. Und der Test geht in ungefähr so: Gibt es mehr als eine weibliche Rolle? Sprechen die Frauen miteinander? Sprechen sie über etwas anderes als den Mann? Klar, dass nur die wenigsten die Kriterien erfüllen – selbst nicht die Jungfrau von Orleans. Eine Bühnendrehung weiter lotet Lena Entezami aus, wie lange sie noch die Mädchenrolle spielen darf, bis sie schlagartig das Rollenfach zur Mutter wechseln muss. 15 bis 20 Jahre etwa! Auch Hamlets Ophelia wird zum intimen Zwiegespräch gebeten, bis Elisa Reining schließlich das Publikum auffordert, sich bei Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb für sie stark zu machen, damit sie endlich ihre zarten Füße in die übergroßen Stiefel einer Lady Macbeth stecken kann. Regisseurin Susanne Zaun setzt Idee und Konzept humorvoll und mit einem Augenzwinkern um. In der Inszenierung gehen keine Aktivistinnen ans Werk, und Matthias Heße stellt sich „für die Mädels“ gerne in die zweite Reihe. Das Ensemble nimmt sich selbst nicht so ernst, und gerade deshalb macht das Stück, das sehr auf die Komik setzt, auch viel Spaß. Die Essenz übrigens, die übrigbleibt, nachdem die Schauspieler mit dem Pürierstab alle Figuren einmal kräftig durchgemixt haben, ist die Liebe. Vielleicht dürfen uns Gretchen, Käthchen und Co. deshalb doch noch etwas länger auf den Theaterbühnen erhalten bleiben.