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Moers: Premiere: Brechts Mann im Tarnanzug

Moers : Premiere: Brechts Mann im Tarnanzug

In der letzten Inszenierung der aktuellen Spielzeit treibt das Moerser Schlosstheater das Thema Inklusion auf die Spitze. Philipp Preuss bringt das Bertolt Brecht-Stück "Mann ist Mann" mit vielen Effekten auf die Bühne im Schloss.

Kanonen schießen irgendwo ihre Ladung ab, Maschinengewehre im Stakkato ihre Munition. Und ein Hubschrauber scheint im Tiefflug seine Kreise über dem Schloss Moers zu ziehen - so bedrohlich, dass mancher Premierengast am Donnerstag unwillkürlich auf seinem Sitzplatz den Kopf einzieht. Regisseur Philipp Preuss will seinem Publikum das Gefühl geben, mittendrin zu sitzen in dieser Szenerie, die Bertolt Brecht in seinem Stück "Mann ist Mann" zeichnete.

Mit dem weniger bekannten Frühwerk des Dramatikers beschließt das Schlosstheater seine Spielzeit. Der junge Regisseur, der mit seinen Inszenierungen in Moers bereits etliche Erfolge feierte, setzt in seiner Brecht-Interpretation auf Effekte. Er baut im Schloss nicht nur eine beachtliche Klang-Kulisse auf, sondern spielt auch auf der visuellen Ebene mit den Möglichkeiten.

Ramallah Aubrecht hat die drei Bühnenwände mit einer Art Tapete verkleidet, die lauter Blätter zeigt. Die Tarnanzüge, die die Schauspieler tragen, haben das gleiche Muster, so dass Mensch und Wald/Wand optisch bald zu verschmelzen scheinen - so wie der einzelne Soldat in einer Armee von Hunderttausenden aufgeht. Die Szenenbilder, die der Regisseur in schneller Abfolge auf die Bühne bringt, wirken wie aus einem erfrischend jungen Videoclip. Bertolt Brechts Text bietet einer Theaterinszenierung viele Ansatzpunkte: Es geht um eine entmenschlichte Welt im Ausnahmezustand, um die Austauschbarkeit menschlicher Identitäten. Es gibt Regisseur Preuss und dem Schlosstheater aber vor allem die Möglichkeit, das aktuelle Spielzeitthema "all inclusive", also das Thema Inklusion, aus einer anderen Perspektive als in den bisherigen Stücken zu beleuchten: Galy Gay, der Mann, der nicht Nein sagen kann, wird von Soldaten, die ihren vierten Mann verloren haben, mit aller Macht inkludiert - und zwar mit Psychotricks, bis Galy Gay schließlich selbst glaubt, ein anderer zu sein.

Regisseur Preuss nimmt sich Freiheiten. Er lässt eine Frau in die Rolle des Galy Gay schlüpfen. Marieke Kregel, die sich mit dieser Darbietung aus der Grafenstadt verabschiedet, überzeichnet ihre Figur, sie lispelt, gibt Gay einen sehr angestrengten Sprachduktus, der ihn unsicher und leicht beeinflussbar wirken lässt. Ihr Gay ist ein schmächtiges Männchen mit Oberlippenbart, das immer tiefer in den Sog des Militärs gerät. Regisseur Preuss psychologisiert nicht, sondern setzt auf Ironie und Situationskomik. Er legt die Figuren wie Karikaturen an - mit schneller Feder gezeichnet. Die Soldaten Frank Wickermann, Matthias Heße und Patrick Dollas marschieren, singen amerikanische Soldatengesänge und ballern mit ihren Gewehren - auf das "Düsseldorfer Schauspielhaus Süd und das Dortmunder Schauspielhaus Nord".

Der Regisseur gibt seinen Schauspielern keine Requisiten an die Hand. Mal stellt ein ausgestreckter Arm, mal der Griff in den Schritt das Maschinengewehr dar. Ein Plus für die Inszenierung ist, dass Marissa Möller ausgebildete Sängerin ist. Sie weiß, wie sie die von Kornelius Heidebrecht bearbeitete Musik Paul Dessaus in höchste Höhen bringt. Ziemlich schrill sogar. Das Spiel des Ensembles ist pointiert und schnell - aber leider unterbrochen von einer unnötigen Pause. Vom Publikum gab es viel Applaus.

(RP)