Niederrhein: Plädoyers fürs Menschsein

Niederrhein : Plädoyers fürs Menschsein

Nach Vorrunden in Emmerich, Moers, Wesel und Krefeld wurde das Finale zum Kabarettpreis "Das Schwarze Schaf" im Duisburger Theater am Marientor ausgetragen. Salim Samatou, Mike & Aydin und Artem Zlotarov heißen die Sieger.

Nach Vorrunden in Emmerich, Moers, Wesel und Krefeld wurde das Finale zum Kabarettpreis "Das Schwarze Schaf" im Duisburger Theater am Marientor ausgetragen. Salim Samatou, Mike & Aydin und Artem Zlotarov heißen die Sieger.

Niederrhein Am liebsten möchte man vergessen, dass das Finale zur Wahl des Schwarzen Schafs ein Wettbewerb ist, bei dem es auch Nicht-Gewinner geben muss. Jedenfalls wäre es schade, wenn Gregor Pallast und Berhane Berhane nach ihren gelungenen Auftritten im nahezu ausverkauften Theater am Marientor weniger Chancen auf unseren Bühnen haben würden. Zwar konnten die beiden keine Preise gewinnen, doch sollte das Votum der Jury, das drei andere aufs (imaginäre) Treppchen stellte, nicht zum Trugschluss führen, dass die beiden weniger Talent haben.

Ein bisschen erinnert die Siegerkürung an die sprichwörtliche Unvergleichlichkeit von Äpfel und Birnen. Der aus Äthiopien stammende und in Heidelberg aufgewachsene Berhane Berhane ist ein ungemein charmanter Entertainer, der mit seinem duplizierten Namen (hervorgegangen aus einer deutschen Amtsstube) seine ironischen Scherze macht. Und Gregor Pallast, als ruhiger Kritiker des Zeitgeistes, überzeugt mit seinem kabarettistischen Gedankenspiel, wenn er in tausendjähriger Zukunft "Archäologen" unsere SUV-Automobile erkunden lässt. Das ist intelligente Komik vom Feinsten.

Gleichwohl ist die Entscheidung der Finaljury, in der unter anderem die Comedy-Vertreterin Mirja Boes saß, durchaus nachzuvollziehen. Nach den jeweils rund 15 Minuten langen Beiträgen der fünf Finalisten, die sich letztlich aus einem Kreis von 90 Bewerbern nach Vorrunden in Emmerich, Moers, Krefeld und Wesel qualifiziert hatten, musste man sich auf drei Siegerauftritte beschränken: Den ersten Preis und damit ein großes Schwarzes Schaf sowie 6000 Euro bekam der deutsch-indische Kabarettist Salim Samatou, Zweitplatzierte (4000 Euro) sind Mike McAlpine und Aydin Isik, die als Duo "Mike & Aydin" auftreten, Drittplatzierter (2000 Euro) wurde Artem Zolotarov.

Was alle Kabarettisten an dem Finalabend eint, ist ihr Plädoyer fürs Menschsein. Das wurde allerdings höchst unterschiedlich gestaltet. Sieger Salim Samatou ist gelernter Wirtschaftsinformatiker, doch feiert er schon seit zwei Jahren in Deutschland und den USA Erfolge. Mit sympathischer Körpersprache mischt er in seinem Programm harmlose Komik aus unserm Alltag mit bisweilen grenzwertigen Einschätzungen der Gesellschaft, die einen auch irritieren können. Im TaM plauderte er beispielsweise über Hitlers "Mein Kampf". Die Lektüre solle man doch mal mit dem Bewusstsein von Hitlers Ende lesen, meint er scheinbar naiv.

Mike & Aydin spielen mit dem "Nord-Süd-Gefälle". Da werden die Vorurteile auf überaus erfrischende Weise zermalmt. Wobei Mike natürlich den meist etwas steif-verbiesterten Nord-Europäer geben muss, der angesichts des Brexit ziemlich käsig dasteht. Und Aydin zeigt in seinen Fußballkommentaren, wie sich südländisches Temperament auf der einen und deutsche Zurückhaltung auf der anderen Seite anhören, wobei zu allem Unglück der deutsche Fußballstar auch noch "Lahm" heißt...

Mit dem aus der Ukraine stammenden, in Deutschland aufgewachsenen Artem Zolotarov stand ein Meister des Poetry-Slams auf der TaM-Bühne. Weniger satirisch, dafür unglaublich elegant und lebensklug sind seine Texte, die Zolotarov gekonnt, ohne jegliche Attitüde vorträgt. Sein Gedicht über die Angst, vorgetragen aus der Perspektive der Angst (!), ist eine poetisch-psychologische Meisterleistung. Vielleicht sollte Artem Zolotarov in Erwägung ziehen, sich künftig bei seinen Bühnenauftritten etwas weniger formell zu kleiden. Das wirkt bieder, obwohl Zolotarov gewiss alles andere als bieder ist.

Ein Riesenkompliment verdienen die Moderatoren des langen, aber kurzweiligen Abends, Matthias Brodowy und Christoph Brüske, die auf jeweils ihre Weise das Erbe von Hanns Dieter Hüsch, der zusammen mit Martina Linn-Naumann den Preis initiierte, bewahren.

(pk)