Pilotprojekt im Grafschafter Museum Moers

Moers: Erinnerungen zum Riechen und Anfassen

„Mit Kulturgeschichte in die Gegenwart“ heißt das Pilotprojekt, das gestern im Grafschafter Museum gestartet ist. Es richtet sich an Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

„Eine Reise in den Süden ist für and’re schick und fein . . .“ Die ersten Zeilen des alten Conny-Froboess-Schlagers „Zwei kleine Italiener“ sind in der Sonderausstellung des Grafschafter Museums in Moers kaum angesungen, da summen schon alle mit. Die Besucher sitzen stilecht inmitten einer kleinen Eisdiele an runden Tischen, mit Blick auf die Eistheke in Pastellfarben. Die Musik und das Ambiente wecken Erinnerungen an heiße Sommertage und kühle Erfrischungen am Badestrand. Und so kommt es, dass die Frauen und Männer nach und nach textsicher in das Lied einstimmen. „(...) doch die beiden Italiener möchten gerne Zuhause sein“, singen sie laut.

Die Sonderausstellung „Gelato. Die Eismacher vom Niederrhein“ bietet den perfekten Rahmen für ein besonderes Projekt, das Grafschafter Museum und die Alzheimergesellschaft für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen initiiert haben: „Mit Kulturgeschichte in die Gegenwart“. Der Besuch bietet Erinnerungen zum Anfassen. „Wir möchten den Betroffenen eine gute Zeit ohne den alltäglichen Pflegestress ermöglichen soll“, erläutert Albert Sturtz, Demenzberater bei der Grafschafter Diakonie und Mitglied in der Alzheimergesellschaft Moers-Niederrhein. Für Moers ist es ein Pilot-Projekt. In Kunstmuseen gibt es bereits solche Angebote“, erläutert Museumsleiterin Diana Finkele. „In kulturhistorischen Einrichtungen jedoch so gut wie gar nicht. Es ist aber der richtige Ansatz.“ Die Anregung stammt von der Moerser Kunstpädagogin Sigrid Nickel-Bronner. „Wir versuchen, auf der Ebene von Erlebnissen und über die Sinne wie Sehen, Hören, Riechen und Schmecken die tief liegenden Erinnerungen zu wecken“, erläutert sie das von ihr entwickelte Konzept.

Und so lud sie die Gäste auf dem Rundgang ein, mal den Eis-Duft zu erschnuppern. In der Sonderausstellung stehen Flacons parat. „Mal gucken, wer den besten Riecher hat“, erklärte daraufhin eine der Teilnehmerinnen. Ihr Lieblingseis schmeckt nach Banane, das der anderen nach Schokolade und Erdbeere. Und ganz klar: Zum Eis-Essen ging man in Moers schon immer zu Wilbers – der ersten Eisdiele in der Grafenstadt überhaupt, erinnerten die Frauen und Männer.

Nickel-Bronner arbeitet als kreative Leibtherapeutin. „Ich spreche das Gefühlserleben an.“ Sie musste ihre Kooperationspartner nicht von ihrem Konzept überzeugen. „Sie hat bei uns offene Türen vorgefunden, als sie die Idee im Herbst 2017 vorgestellt hat“, betont Sturtz. Er präsentierte das Projekt in der Alzheimergesellschaft. Dort war man so begeistert, dass man beschloss, die Jahrestagung am 21. September ausfallen zu lassen und das Projekt finanziell zu fördern. An fünf Terminen treffen sich die an Demenzkranken und ihre Angehörigen bis Dezember im Grafschafter Museum und erkunden Kaufmannsladen und Puppenstube. Nach jedem Rundgang werden sie selbst kreativ. Gestern bastelten die Teilnehmer aus Pappmaschee eigene Eis-Becher. Und zum Abschluss des zweistündigen Vormittags gab es selbstverständlich ein Eis. Von den im Rahmen des Projekts gewonnenen Erfahrungen sollen auch Mitarbeiter anderer Museum, aber auch Pflegekräfte und Alltagsbegleiter profitieren. Für den 12. Dezember ist unter dem Motto „Auf alten Spuren zu neuen Wegen“ ein Fachtag im Museum geplant. In Workshops erhalten die Teilnehmer praktische Anregungen und bekommen Methoden an die Hand, wie sie diese im Pflegealltag umsetzen können.

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