Niag-Vorstand zeigt Verständnis für verärgerte Fahrgäste

Niag-Vorstand im Interview : Verständnis für verärgerte Fahrgäste

Der Niag-Vorstand gelobt Besserung im Kundenservice und kündigt Gespräche über alternative Antriebstechniken für Busse an.

Welche Chancen bringt die Klimadiskussion der Niag – als Anbieter des Öffentlichen Personennahverkehrs?

Peter Giesen In der Klimadiskussion ist deutlich geworden, dass insbesondere der Verkehrssektor einen Beitrag zur Senkung des CO²-Ausstoßes leisten muss. Dies kann in erheblichen Maße auch durch Verringerungen im Individualverkehr in den ÖPNV erfolgen. Für uns als Dienstleister im ÖPNV stellt das natürlich eine Chance für mehr Fahrgäste und ein Zunahme der zu erbringenden Fahrleistungen dar. Diese Leistungen wollen wir gerne erbringen. Für die Ausweitung von Fahrleistungen, wie neue Linien, kürzere Taktzeiten, sind aber zuvor politische Entscheidungen auf kommunaler Ebene erforderlich. Von dort wird das Leistungsangebot bestimmt, welches die Niag als Dienstleister umsetzt.

Peter Giesen gehört zum Vorstand der Niag. Foto: Christoph Reichwein (crei)

An welchen Stellschrauben ihres Geschäfts sind die Auswirkungen der Klimadiskussion sichtbar – oder trifft die Kritik aus dem Rheinberger Verkehrsausschuss an der überalterten Bus-Flotte der Niag zu?

Giesen Die Klimadiskussion zielt auf die Reduzierung des CO²-Ausstoßes ab. Dieser kann im Verkehrssektor dadurch erreicht werden, in dem mehr Fahrgäste den ÖPNV an Stelle des privaten Pkw nutzen, aber auch durch den Einsatz von alternativen Antriebstechniken in den Bussen. Sowohl das Fahrplanangebot wie auch die Anforderungen an die zum Einsatz kommenden Fahrzeuge werden in den Nahverkehrsplänen oder Verkehrsverträgen von den kommunalen Aufgabenträgern, sprich Kreise und Kommunen, definiert. Diese Anforderungen werden von uns erfüllt. Natürlich verschließen wir nicht unsere Augen vor der Entwicklung von alternativen Antriebstechniken und deren Einsatz in unsere Busflotte. Daher werden wir in Abstimmung mit unseren Auftraggebern Vorschläge zum Einsatz von alternativen Antriebstechniken in unserem Verkehrsgebiet machen.

Beim Klimafreundlichen Mobilitätskonzept in Neukirchen-Vluyn wartet die Stadt laut Aussage von Bürgermeister Harald Lenßen seit vielen Wochen auf Vorschläge der Niag, bzw. eine Bewertung der in dem 220 Seiten-Paket enthalten Forderung nach neuen Buslinien und einer engeren Taktung. Woran liegt es, dass sie die Niag bisher nicht dazu beäußert hat?

Giesen Wir begrüßen den Prozess zur Erstellung des klimafreundlichen Mobilitätskonzeptes in Neukirchen-Vluyn. Wir haben diesen daher auch intensiv begleitet und uns eingebracht. Zu dem nun vorliegenden Konzept haben wir Ende August Stellung genommen und auch aufgezeigt, wie einzelne Vorschläge umgesetzt werden könnten. Das Fahrplanangebot hat seine Grundlage in dem vom Kreis Wesel beschlossenen Nahverkehrsplan. Sofern Veränderungen am Fahrplanangebot (Ausweitungen oder Einschränkungen) vorgenommen werden, sind diese mit dem Kreis Wesel als Aufgabenträger abzustimmen. Dieser Abstimmungsprozess dauert noch an. Erst danach kann die Niag als Verkehrsunternehmen diese Fahrleistungen erbringen. Hierbei ist auch zu berücksichtigen, dass der Nahverkehrsplan des Kreises Wesel (nur) ein Grundangebot darstellt. Es ist so ausgelegt, dass eine ÖPNV-Grundversorgung erfolgt, für die keine Finanzierungszuschüsse durch die kreisangehörigen Kommunen geleistet werden müssen. Sofern die Kommunen zusätzliche ÖPNV-Angebote für erforderlich halten, sind diese in eigener kommunaler Verantwortung zu organisieren und finanzieren. Für solche Leistungen stehen wir natürlich als Mobilitätsdienstleister gerne zur Verfügung.

Parallel schimpfen die Kunden in sozialen Medien, aber auch gegenüber uns als Zeitung über häufige Verspätungen oder gar ganz ausfallende Busse. Das ist auf dem Land natürlich fatal, wenn die nächste Linie fahrplanmäßig erst eine Stunde später fahren soll. Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um solche Vorkommnisse zu minimieren?

Giesen Verspätungen oder gelegentlich auch komplett ausfallende Busverbindungen sind natürlich ein großes Ärgernis für unsere Kunden, aber auch für uns. Wir bedauern sehr, wenn solche Situation auftreten. Die Ursachen hierfür liegen in branchenweit bestehenden Engpässen beim Fahrpersonal sowie auch in der Vielzahl der Baustellen auf unseren Straßen. Von diesen Problemlagen bleibt leider auch unser Unternehmen nicht verschont. Die Situation auf der A40-Brücke zum Beispiel erfordert die Bereitstellung von zusätzlichen Fahrpersonalen und Bussen, um die wichtigen Verbindungen in die Nachbarstadt Duisburg in einer für die Fahrgäste akzeptablen Fahrplangenauigkeit aufrecht erhalten zu können. Solche beispielhaften Mehrbedarfe bei gleichzeitigem Mangel an Fahrpersonal machen ein ÖPNV-System störanfällig und belasten insgesamt die Wirtschaftlichkeit. Wir haben daher selbst ein großes Interesse daran, dass die Ursachen hierfür abgestellt werden. Soweit das in unserem Einflussbereich liegt, sind wir bereits tätig: Wir sind permanent auf der Suche nach qualifiziertem Fahrpersonal, bilden selbst Berufskraftfahrer aus und führen Qualifizierungslehrgänge in unserem Bildungszentrum durch.

Zugleich sind die Kunden sauer, wenn sie nach langem Warten in der Telefonschleife auf einen Anrufbeantworter kommen, dort ihre Nachricht hinterlassen – aber nie wieder kontaktiert werden. Wie will die Niag ihren Kundenservice verbessern?

Giesen Wir haben Verständnis dafür, dass unsere Fahrgäste bei Fahrplanausfällen oder Verspätungen über Ursachen informiert werden wollen oder auch ihren Unmut darüber uns gegenüber äußern wollen. Die Erfahrungen und Hinweise haben gezeigt, dass leider Mängel in der Erreichbarkeit für unsere Kunden auftreten können. Wir haben das bereits aufgegriffen und analysieren unsere bisherigen Kommunikationskanäle und Serviceprozesse, um Verbesserungen im Kundenservice erreichen zu können.

Welche Wünsche haben Sie als Nahverkehrsunternehmen an die Politik?

Giesen Als Mobilitätsdienstleister wollen wir die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen hier in unserer Region möglichst gut befriedigen. Zur Verringerung des CO²-Ausstoßes im Verkehrssektor wird auch eine Mobilitätswende hin zu einer stärkeren Nutzung des ÖPNV erforderlich. Um dies zu erreichen, sind an vielen Stellen Anpassungen, Anreize und Umstellungen im ÖPNV-System notwendig. Hierzu haben wir klare Vorstellungen und Vorschläge zu neuen Mobilitätsformen und –angeboten. Mit verschiedenen Kommunen laufen hierzu bereits Gespräche. Letztendlich obliegt es aber den kommunalen Aufgabenträgern, darüber zu entscheiden, ob und in welchem Umfang diese Mobilitätsangebote zur Verfügung gestellt werden. Wir sind gerne bereit, diese anschließend zu erbringen. Dabei benötigen die Kommunen aber auch Unterstützung. Der eingeschlagene Weg der Klimapolitik kann auf kommunaler Ebene nur durch eine sichergestellte Finanzierung der Verkehrspolitik, insbesondere im ÖPNV und SPNV durch Bund und Land funktionieren. Der ÖPNV muss nicht nur neue Antriebstechniken einsetzen, sondern auch durch höhere Qualität und Digitalisierung reizvoll werden. Für diese Verkehrswende werden zusätzliche Finanzmittel benötigt!

Das Interview führte Dirk Neubauer

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