Entnazifizierungs-Akte: Nazi-Pläne für Moers entdeckt

Entnazifizierungs-Akte: Nazi-Pläne für Moers entdeckt

Durch Zufall ist jetzt die Entnazifizierungs-Akte des ehemaligen Moerser Stadtbaurats, Ferdinand Revermann, aufgetaucht. Rechtsanwalt Peter Boschheidgen hat die Papiere für den Grafschafter Museums- und Geschichtsverein gesichtet.

Der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick hat die Vorlage für eine jüngst verfilmte Netflixx-Serie geschrieben: "The Man in the High Castle". Darin wird fiktional die Möglichkeit durchgespielt, wie die Welt ausgesehen hätte, falls Hitler den Krieg gewonnen hätte. Zumindest für Moers ist diese Vorstellung seit kurzem sehr real geworden. Dem Grafschafter Museums- und Geschichtsverein (GMGV) hat jetzt eine Scherpenberger Bürgerin die Entnazifizierungsakte des ehemaligen Technischen Dezernenten Ferdinand Revermann (1895-1975) zu Verfügung gestellt, die eine Nachbarin in den Müll hatte entsorgen wollen. GMGV-Vorsitzender Peter Boschheidgen hat die Unterlagen ausgewertet. Darin enthalten sind Pläne, wie Revermann die Grafenstadt rings um die Adolf-Hitler-Straße (Neustraße) und Hindenburgplatz (Neumarkt) hätte verunstalten wollen.

Revermann war der Albert Speer für Arme. Schon 1932 in die NSDAP eingetreten, passte er seine ursprünglich am Bauhaus orientierten Vorstellungen komplikationslos der nationalsozialistischen Ideologie an. 1934 bis 1938 war er Geschäftsführer der Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten. Obgleich Revermann kein Diplom oder abgeschlossenes Studium hatte, wurde er durch Protektion namhafter Parteigrößen 1938 Moerser Stadtbaumeister und Technischer Dezernent. Nach dem Krieg stellte er vergeblich einen Entnazifizierungsantrag. Boschheidgen: "Trotz allen wortreichen Aufwandes waren seine Bemühungen vergebens: Revermann wurde nicht wieder in den Dienst der Stadt Moers aufgenommen, sondern musste sich als freischaffender Architekt bewähren."

Manche Entwürfe von Revermann wirken wie Bauten aus einem nicht realisierten Führer-Disneyland: hier ein Bunker als Stadttor. Foto: Gmgv-Archiv

Während der Kriegszeit konnte Revermann nur wenige Projekte realisieren. Dazu zählt etwa die sogenannte "Treibstoffsiedlung" an der Homberger Straße gegenüber der Geschwister-Scholl-Schule, die Renovierung des Bettenkamper Meers und die Umgestaltung des Friedhofs an der Rheinberger Straße zu einer Grünanlage.

In der Entnazifizierungsmappe befindet sich unter anderem der von dem Nazi-Architekten erstellte "Generalbebauungsplan" für Moers aus dem Jahr 1941. Danach hätten etwa die Fassaden der Häuser an der Steinstraße zwischen Königlichem Hof und Burgstraße vereinheitlicht werden sollen. Revermann strebte dabei so etwas wie eine Symbiose aus Heimeligkeit und Nazi-Grandezza an. So wollte er den Neumarkt (damals noch Hindenburgplatz) zum Altmarkt hin durch Abriss eines kompletten Häuserblocks hin öffnen, um so einen repräsentativen Aufmarschplatz zu erhalten. Dessen rasterförmige Pflasterung hätte die gleichmäßige Ausrichtung von Parteiverbänden bei Paraden erleichtern sollen. Die preußischen Denkmäler in der Stadt wollte Revermann durch NSDAP-"Ehrenmäler" ersetzen lassen. Auch vor dem Landratsamt sollte eine große Aufmarschfläche samt "Autopark" entstehen, wozu die Kastellbebauung samt "Bügeleisen" abgerissen worden wäre. In der Nachbarschaft von St. Josef hätte ein neuer Platz mit Wehrmeldeamt und Rathaus samt Rathausturm entstehen sollen.

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Der aktuelle Moerser Technische Beigeordnete, Thorsten Kamp, hat sich schon früher mit Revermann beschäftigt. Er schreibt: "Moers sollte den Plänen nach eine durchgrünte, in abgegrenzte Nachbarschaften gegliederte Stadtgestalt erhalten. Im Ganzen vermittelte die im Generalbebauungsplan abgebildete Stadt das Bild der propagierten ,organisch' aufgebauten, ständischen Gesellschaftsordnung, in der für alle ,Volksgenossen' gesorgt ist."

Boschheidgens Fazit: Es "drängt sich der Eindruck auf, dass den Moersern durch die kriegsbedingten Einschränkungen von Revermanns Entfaltungs- und Gestaltungdrang doch weit mehr an baulichen Scheußlichkeiten erspart geblieben ist als ihnen an Erhaltenswertem vorenthalten wurde."

Allerdings durfte Revermann sich nach dem Krieg beim Bau des Tersteegenhauses verewigen. Das wurde jetzt unter Denkmalschutz gestellt - gegen den erbitterten Widerstand der dort beheimateten evangelischen Kirchengemeinde.

(RP)
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