1. NRW
  2. Städte
  3. Moers

Moskauer Circus in Moers: Im "Todesrad" dem Himmel näher

Zirkus in Moers : Im Todesrad dem Himmel näher

Bis Sonntag ist der Moskauer Circus in Moers. Zu seinen Attraktionen zählt Crazy Wilson auf dem „Todesrad“. Wir haben einen kleinen Selbstversuch auf dem Gerät gewagt. Einen klitzekleinen. Das reichte.

Ich habe einen Dreitausender erklommen. Ich bin ein gutes Dutzend Marathons gelaufen. Ich habe Feuer geschluckt. Ich habe sogar mal bei Fifa auf der Playstation gegen meinen Sohn gewonnen. Aber jetzt fühle ich mich wie der letzte Versager. Hilflos, ängstlich, schwach. Der Schweiß bricht aus allen Poren, die Knie zittern, jede Faser meines Körpers schreit: aufhören! Ich bin im Todesrad, und ich will raus.

Das Todesrad ist eine Hauptattraktion des in Moers weilenden Moskauer Circus, ersonnen vermutlich von einem Psychopathen im LSD-Rausch. Wie kann man es beschreiben? Vielleicht als hochgezüchtete Über-Kopf-Schaukel. Oder besser: Als eine Kreuzung zwischen beidseitig offenem Hamsterrad und muskelbetriebener Zentrifuge. Geht man im Todesrad, setzt es sich langsam in Bewegung. Rennt man, rotiert es im irrwitzigen Tempo durch die Manege. In einem Augenblick ist der Boden zum Greifen nah, im nächsten schwebt man zehn Meter darüber. Bei mir ist nach fünf, sechs Metern Schluss. Vielen Dank für die Gelegenheit zum Selbstversuch, aber ich bin weder lebensmüde noch geisteskrank.

Wie lebensmüde oder geisteskrank sieht Wilson Dominguez eigentlich auch nicht aus. Obwohl er sich „Crazy Wilson“ nennt, also „Verrückter Wilson“. Ruhig und abgeklärt wirkt er, wie er da in seinem weißen Kostüm steht und meine unbeholfenen Gehversuche im Todesrad beobachtet. „Ich mache das seit ich 14 war“, sagt der 46 Jahre alte Kolumbianer später in gebrochenem Englisch, bevor er selbst das Todesrad entert, um ein paar Tricks zu zeigen. „Wenn ihr fotografieren wollt, dann jetzt, ich mach das nur einmal!“ Wilson bringt das Rad auf Touren, hüpft darin, legt sich hin, bleibt stehen, so dass er sich über Kopf dreht. Bei der Vorstellung macht er noch ganz andere Dinge. Einen Salto zum Beispiel auf der Außenseite des Rads, in schwindelnder Höhe, ohne Netz und doppelten Boden. „Ich bin das Original“, gibt Wilson kund. Will sagen: Er sei der erste, der das gewagt habe.

Warum er Tag für Tag seinen Hals riskiert? „Tradition“, gibt Wilson zur Antwort. Er stamme aus einer Artistenfamilie. „Ich bin die vierte Generation.“ Trapez, Hochseil und andere Dinge probierte Wilson aus, bevor er das Todesrad entdeckte. „Das mach ich am liebsten.“ Und er brachte es weit damit. Er turnte beim größten Zirkus der Welt im Scheinwerferlicht, dem legendären amerikanischen Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus. 2008 erhielt Crazy Wilson beim Zirkus-Festival von Monaco eine Auszeichnung: Aus den Händen von Fürst Albert und Prinzessin Stéphanie nahm er einen „Silbernen Clown“ entgegen. Vor einem Jahrkam dann der Absturz, im wörtlichen Sinn: Bei einer Vorstellung im Circus Krone in München fiel Wilson aus zehn Metern Höhe. Er hatte Glück, erlitt „nur“ einen Beckenbruch. Es folgte eine monatelange Pause. Jetzt arbeitet er erfolgreich an seinem Comeback.

Er werde so lange weitermachen, wie es sein Körper zulässt, sagt Wilson. „Mein Vater war noch mit 65 am Trapez. Er war so“, meint er und deutet mit den Händen einen muskelbepackten Bären von Mann an. Und wie steht es mit dem Thema Angst? „Meine Frau ist ängstlicher als ich, wenn ich in die Manege gehe.“ Man kann sie verstehen, das Paar hat vier Kinder, der älteste Sohn ist 23, der jüngste aber keine zwei Monate alt. „Es ist Psychologie“, sagt der Artist. So gebe es eine Videoaufzeichnung von seinem Sturz, die er sich aber nie angesehen habe. Bloß nicht daran denken, was alles passieren kann. Wenn aber doch etwas passiert? Gibt es eine Versicherung, die sich auf ein solches Risiko einlässt? Eine Frage, wie sie vermutlich nur ein deutscher Journalist stellt, der gerade mit vollen Buxen dem Todesrad entkommen ist. „Gibt es“, erfahre ich. „Die Versicherung ist teuer, aber sie zahlt.“ Wie beruhigend.