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Moerser Sexualtherapeut rät: Geborgenheit statt Sex-Experimente

Sexualtherapeut rät : Geborgenheit statt Sex-Experimente

Carsten Müller (39), Sexual- und Paartherapeut aus Moers, berät zurzeit per Videochat. Paare mit „Hollywood-Vorstellungen“ werden nicht glücklich, sagt er. Und: Die Corona-Krise sei nicht die richtige Zeit, um neue Dinge im Bett auszuprobieren.

Carsten Müller erlebt es immer wieder: Die Menschen sind sprachlos, wenn es um Sex geht. Sie schämen sich, schauen zu Boden, werden rot. Als der Sexualtherapeut 2015 ein Praxisgebäude im Ruhrgebiet suchte, dauerte es ein Dreivierteljahr, bis er fündig wurde. An geeigneten Plätzen mangelte es nicht, doch viele Menschen standen einer Praxis für Sexualität skeptisch gegenüber. Was sollten bloß die Nachbarn denken, fragten einige.

Schließlich ließ sich Müller mit seinem Team doch noch in Essen und Krefeld nieder, vor zwei Jahren eröffnete er eine 300 Quadratmeter große Praxis in Duisburg. Von Einzel- und Paarberatung über Aus- und Weiterbildungen zum Sexualpädagogen, Aufklärung für Kinder und Jugendliche und Hilfe vor Gericht für Opfer sexualisierter Gewalt bietet er alles an. Das jüngste Paar, das der 39-Jährige berät, ist Anfang 20, das Älteste Mitte 70. Sexualität sei in jedem Alter ein Thema, doch viele kämen mit ihren Problemen und Sorgen erst, wenn sie schon sehr akut seien. Meistens gehe es um Lustlosigkeit, Fremdgehen, Pornographie-Konsum, Schmerzen beim Sex oder Erektionsprobleme.

Bei körperlichen Symptomen rät Müller dazu, diese erst einmal medizinisch abklären zu lassen. Dann kann die Therapie starten. An den meisten Themen kann er im Gespräch mit den Klienten arbeiten. Sie lernen dabei auch, dass sich die Sexualität im Laufe des Lebens verändert und dass für ein erfülltes Sexleben kein Weg daran vorbeiführt, diese Veränderungen zu akzeptieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Vor allem äußere Einflüsse spielen dabei eine große Rolle: Ein Paar, das kleine Kinder habe, müsse damit rechnen, dass sich sein Sexleben anders gestalte als vor den Geburten. Und entgegen aller romantischen Vorstellungen und obwohl die Zahl der Bestellungen von Sexspielzeugen deutlich gestiegen ist: Eine Pandemie sei nicht der beste Zeitpunkt, um neue Dinge im Bett auszuprobieren. Schließlich sei das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Krise besonders groß. Die Menschen wünschen sich Verbundenheit und Halt. Experimente machen sie eigentlich lieber dann, wenn ihre Umwelt so funktioniert, wie sie es sonst kennen. Deshalb erzeuge die viele freie Zeit, die einige Menschen nun hätten, auch großen Druck: „Viele glauben, sie kämen nun hollywoodmäßig gar nicht mehr aus dem Bett heraus“, sagt Müller. Durch diese hohen Erwartungen komme es zwangsläufig zu Enttäuschungen und Konflikten.

Statt Sex-Experimente zu fokussieren könnte eine bewusste gemeinsame Paarzeit besonders gut durch die Krise helfen. „Jeder braucht seinen Freiraum und Zeit für sich selbst“, betont der 39-Jährige. Und wenn ein Paar zusammenwohne, verschwämmen oft die Grenzen zwischen gemeinsamen Aktivitäten und „Me-Time“. Deshalb empfiehlt Müller, sich „ganz unsexy“ zum gemeinsamen Musikhören, Müllrausbringen oder zum Filmschauen zu verabreden. Positive gemeinsame Erlebnisse förderten die emotionale Bindung – und diese sei das Fundament für die körperliche Nähe.

Gesellschaftsspiele, mal wieder in die Fotokiste zu schauen und in Erinnerungen zu schwelgen – es seien oft die kleinen Dinge, die besondere Freude bereiteten. „Der Alltag ist ein Arschloch für Beziehungen“, sagt Müller. Da ist es wichtig, mindestens einmal die Woche mit dem Partner über Gefühle und das Befinden zu reden, seine Bedürfnisse deutlich zu kommunizieren. Singles dagegen, denen es schwerfalle, allein zu sein, sollten regelmäßig den virtuellen Kontakt zu guten Freunden und der Familie suchen. Auch Online-Dating sieht der Sexualtherapeut in Corona-Zeiten als gute Alternative. „Wir können nicht so arrogant sein und sagen, dass es besser ist, sich persönlich kennenzulernen“, sagt der 39-Jährige. Es sei einfach eine andere Art des Kennenlernens.

Doch bisher bereitet die Corona-Pandemie seinen Klienten ganz andere Sorgen: Viele haben Angst vor einem Jobverlust, wollen sich nicht infizieren, sagen Termine beim Sexualtherapeuten ab. Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, bietet Müller Therapiestunden im Videochatformat an. „Inhaltlich haben sich die Beratungen noch nicht großartig verändert. Dafür laufen die Maßnahmen noch nicht lange genug“, sagt der 39-Jährige. Ihm ist jetzt vor allem eines wichtig: Dass die Menschen eine Sprache für ihre Sorgen finden. Und dass Sex kein Tabuthema bleibt.