Moerser Handwerk ist eine Werkstatt fürs Leben

Moers : Handwerk ist eine Werkstatt fürs Leben

Das Handwerk bietet weit mehr Möglichkeiten als die meisten Menschen denken. Denn: Eine Ausbildung zum Gesellen ist keine Einbahnstraße. Sie kann auch direkt zu einem Universitätsstudium führen. Ohne Abitur.

Der Kapellener Kfz-Meisterbetrieb Johannes an der Neukirchener Straße ist ein Beispiel für die Wandlungsfähigkeit eines Berufes, familiäre Nachfolgeregelung und Ausbildung von Nachwuchs. Thorben Johannes (25) ist in die väterlichen Fußstapfen getreten und wird den Familienbetrieb fortführen. Sein Vater Michael, Kfz- und Mechaniker-Meister sowie Service-Techniker, ging noch den klassischen Weg. Seine erste Ausbildung machte er als Maschinenschlosser bei Bayer-Uerdingen, wechselte dann zum BMW-Ausbildungsbetrieb nach Dormagen. Als Kfz-Elektriker und einem weiteren Gesellenjahr steuerte er 1991 die Meisterschule in Simmerath an. 1997 stieg der Kfz-Elektrikermeister in den freien Werkstattbetrieb ein, für den die Eltern 1965 an der Bahnhofstraße mit einer Tankstelle und angegliederter Werkstatt den Grundstein legten. 1990 erfolgte die betriebliche Verlegung an die Neukirchener Straße.

Mit seinem Sohn Thorben steht die nächste Generation in den Startlöchern. „Unser Beruf hängt von der Einsatzbereitschaft und der Einstellung der jungen Menschen ab. Ihre mangelnde Schulbildung ist oft ein Problem“, sagt Michael Johannes. „ Viele haben von unserem Beruf keine Vorstellungen, denn in der Werkstatt macht man sich auch die Hände dreckig“, so Johannes über die Handy-Generation.

Ein weiteres Problem in der Branche sei nach erfolgter Ausbildung die Abwanderung des Nachwuchses in die gut zahlende Industrie. Dass sich berufliches Engagement dennoch lohnt, hat er mit der jungen Laura Müller erlebt. Er bildete sie zur Kfz-Mechantronikerin aus. „Mich haben ihre Neugier, der Einsatz, ihre Disziplin und Leistungsbereitschaft beeindruckt“, sagt Johannes. Für Sohn Thorben fiel die berufliche Entscheidung direkt nach der Schule. „Ich wollte nach der Schule mein eigenes Geld verdienen“, sagt er rückblickend. Nach seiner dreieinhalbjährigen Ausbildung hatte er als 19-Jähriger die Auswahl an Jobs und sammelte berufliche Erfahrung an verschiedenen Stellen, bevor er in den Familienbetrieb kam. Er machte dann den Meister mit Fachrichtung Elektrotechnik.

Rund 10.000 Euro kostet die Meisterschule, sogenanntes Meister-Bafög über die Kreditanstalt für Wiederaufbau hilft. „Für mich war immer klar, dass ich als Meister in die Selbständigkeit gehe und Zuhause einsteige. Mit dem Meistertitel habe ich Chancen. Er ist heute gleichrangig mit einem Bachelor-Abschluss von der Uni“, so der junge Meister. Anders als früher bietet nämlich ihm sein beruflicher Werdegang samt Meistertitel und Berufsjahren die Möglichkeit für ein Hochschulstudium, auch ohne Abitur. Herausforderungen gibt es beim Wandel der Automobilbranche für Thorben noch genug. Um die Generation der Hybrid-Autos warten und reparieren zu können, sind entsprechende Weiterbildungen Voraussetzungen.

Sebastian Lieutenant (23) macht aktuell in Kapellen seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Er hat sich früh für Autos und Motorräder interessiert, sein Abi hat er auf dem Berufskolleg Technik in Mönchengladbach gemacht. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Pflegebereich half ihm die Handwerkskammer Düsseldorf bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz und knüpfte den Kontakt zum Kapellener Betrieb. Ein Probearbeiten folgte. „Aufgrund meiner Abschlüsse verkürze ich die Ausbildung auf zweieinhalb Jahre. Im Dezember fange ich mit den theoretischen Prüfungen an“, so der Pendler Sebastian. Danach will er in Mönchengladbach sich um einen Job im Autohaus kümmern, an internen Schulungen teilnehmen, im Handwerk bleiben oder studieren. All dies ist möglich – mit einer Ausbildung im Handwerk.

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