Moerser Feuerwehrchef: „Jeder Übergriff wird angezeigt“

Interview Christoph Rudolph : „Jeder Übergriff wird angezeigt“

Der Moerser Feuerwehrchef im Gespräch – über eine veränderte öffentliche Wahrnehmung seiner Arbeit, Fachkräftemangel und die neue Hauptwache.

Herr Rudolph, Feuerwehrmann: Ist das nach wie vor ein Traumberuf, nicht nur für kleine Jungen und Mädchen?

Christoph Rudolph Ich würde sagen: Ja, auf jeden Fall! Allerdings muss man für diese Aufgabe, ganz gleich, ob man sie hauptberuflich oder ehrenamtlich in der Freiwilligen Feuerwehr übernimmt, tatsächlich „brennen“.

Was auffällt: Nach wie vor sind wesentlich mehr Männer als Frauen bei der Feuerwehr beschäftigt. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Rudolph Wir haben in der Tat sehr wenig Bewerbungen von Frauen, auch in Moers – obwohl wir ganz bewusst Werbung machen. Bei der Freiwilligen Feuerwehr sieht die Situation ein bisschen anders aus, aber auch dort sind die Einsatzkräfte nach wie vor zu 85 Prozent männlich.

Könnte ein möglicher Grund in den Anforderungen für die Ausbildung zur Feuerwehrfrau stecken?

Rudolph Ich weiß es nicht. Körperlich ist der Job tatsächlich eine Herausforderung. Lebensrettende Maßnahmen und auch das Löschen eines Brandes sind schwere körperliche Arbeiten. Und selbstverständlich müssen auch weibliche Feuerwehrkräfte in Extremsituationen bestehen und sich auf ihren Körper verlassen können. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Frauen bei der Polizei, und auch dort wird Fitness vorausgesetzt.

Wie sieht es grundsätzlich mit dem Thema Nachwuchs bei der Feuerwehr aus? Die Jugendfeuerwehren im Kreis Wesel feiern in diesem Jahr 40-jähriges Bestehen. An diesem Wochenende treffen sich die Mitglieder in Moers. Gibt es noch genug junge Leute, die – im tatsächlichen und übertragenen Sinn – bereit sind, durchs Feuer zu gehen, um anderen Menschen das Leben zu retten?

Rudolph  Das Problem ist: Wir haben eine alternde Gesellschaft. Das hat nicht nur Auswirkungen auf das Einsatzgeschehen, weil immer mehr alte und kranke Menschen in Notlagen nicht mehr selber helfen können. Es gibt auch einfach deutlich weniger Personal, das zur Verfügung steht. Was den ehrenamtlichen Teil der Feuerwehrarbeit betrifft, wird es für junge Leute immer schwieriger, Job, Privatleben und Ehrenamt zeitlich miteinander zu verbinden. Was den hauptberuflichen Teil betrifft, kann man sagen: Wir sind mittendrin im Fachkräftemangel  – so wie alle anderen Berufe im technischen und im Gesundheitsbereich auch. Und da müssen wir Lösungen finden, keine Frage.

Wer über die Feuerwehr spricht, spricht auch über die technische und bauliche Ausstattung. Wie ist die Lage in Moers?

Rudolph Was die Freiwillige Feuerwehr angeht, sind unsere Wachen tatsächlich alle auf einem sehr guten Stand. Dafür haben wir in den vergangenen zwölf Jahren viel Geld investiert. Die Standorte Schwafheim, Asberg, Stadtmitte und Repelen wurden komplett neu gebaut, aktuell sind wir mit Hülsdonk dran. Dort sind die Arbeiten fast abgeschlossen. Das Gerätehaus in Scherpenberg ist Baujahr 1990, also noch nicht allzu alt, wird aber regelmäßig in Stand gesetzt. Es gibt dort ein paar kleinere Mängel, im Großen und Ganzen ist der Standort aber in Ordnung. In Kapellen wird in den nächsten Jahren auch investiert. Dort ist kein Neubau-, sondern lediglich ein Anbau nötig.

Dann ist da aber noch die Standortdiskussion zur Hauptwache …

Rudolph Richtig, die Planung hängt allerdings am Brandschutzbedarfsplan, und der ist noch in der Bearbeitung. Voraussichtlich Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres wird der Entwurf stehen, der dann der Politik zur Entscheidung vorgelegt wird. Vorher lässt sich nichts Konkretes sagen.

Aber Sie können schon sagen, was für den Standort einer Hauptfeuerwache in Moerser Größenordnung grundsätzlich wichtig und unerlässlich ist …

Rudolph Der wichtigste Punkt ist das Schutzziel. Heißt: Innerhalb von acht Minuten nach Alarmierung muss die Löscheinheit an jedem Punkt des Stadtgebiets sein können – mit kleineren Einschränkungen im ganz ländlichen Bereich. Daraus ergeben sich mögliche Standorte, das wird zurzeit von einem Gutachter analysiert, der am Ende eine Empfehlung ausspricht. Mit Sicherheit wird es aber nicht nur eine mögliche Lösung geben.

Den passenden Standort zu finden ist eine Sache. Die Stadt braucht aber auch die entsprechenden Grundstücke. In welcher Größenordnung müssen wir da denken?

Rudolph Wir haben einmal quer gerechnet: Um den Neubau einer Wache nach neuesten Gesichtspunkten zu realisieren, benötigen wir 18.000 bis 20.000 Quadratmeter Fläche.

Warum braucht die Moerser Feuerwehr überhaupt eine neue Wache?

Rudolph Weil wir jetzt schon aus allen Nähten platzen. Zurzeit haben wir 123 Planstellen, perspektivisch werden es eher noch mehr. Fest steht: Das, was wir jetzt machen, muss langfristig Bestand haben. Ja – wir investieren viel Geld, planen aber auch für die nächsten 30 bis 40 Jahre.

2017 hat der Kreistag hat den aktuellen Rettungsdienstbedarfsplan als „Interims-Rettungsdienstbedarfsplan“ beschlossen und zeitgleich angekündigt, die Rettungsdienstbedarfsplanung gemeinsam mit einem externen Gutachter grundsätzlich zu überarbeiten. Die Ergebnisse liegen jetzt vor und sollen im Herbst der Moerser Politik vorgestellt werden. Was bedeutet die neue Planung für die Grafenstadt konkret?

Rudolph Wir erwarten auf jeden Fall deutliche Verbesserungen – für die Bürger, aber auch für die Mitarbeiter. In Moers soll neben den beiden durchgehend bereitgestellten Rettungstransportwagen der dritte zwölf Stunden täglich, statt bisher zwölf Stunden montags bis freitags, im Einsatz sein. Ein Rettungstransportwagen „rund-um-die-Uhr“ wird außerdem dauerhaft zur Rettungswache Neukirchen-Vluyn verlegt. Das zweite Notarzteinsatzfahrzeug und damit auch die Notarzt-Vorhaltung werden auf zwölf Stunden täglich, statt bisher acht Stunden montags bis freitags, ausgeweitet. Das soll in zwei Schritten passieren: Zunächst wird ein zweites Notarzteinsatzfahrzeug für zwölf Stunden an den Wochenenden etabliert. Die Ausweitung der Notarzt-Vorhaltung werktags folgt im Laufe des Jahres 2020. In Neukirchen-Vluyn wird eine kreiseigene Rettungswache errichtet, die durch die Stadt Moers betrieben werden soll.

Früher, so scheint es, war der Feuerwehrmann ein Held. Heute berichten wir immer häufiger über Gewalt gegen Einsatzkräfte. Wie gehen Sie hier in Moers mit dieser veränderten Wahrnehmung Ihrer Arbeit um?

Rudolph Das ist tatsächlich ein großes Problem. Es gibt immer mehr Einsätze, bei denen unsere Einsatzkräfte verbal oder auch körperlich angegangen werden. Da hat es in Moers in letzter Zeit einige Fälle gegeben. Sogar eine Schusswaffe war schon mit im Spiel. Wir versuchen, sehr offensiv dagegen zu arbeiten, auch in Abstimmung mit Bürgermeister Christoph Fleischhauer, der sich im vergangenen Jahr hier vor Ort an die Spitze der „Keine Toleranz“-Bewegung gesetzt hat. Das heißt: Jeder Übergriff wird von der Stadt zur Anzeige gebracht. Darüber hinaus bekommen die Kollegen die Unterstützung, die sie brauchen: medizinisch und psychologisch. Seite einiger Zeit bieten wir gemeinsam mit externen Dozenten auch ein Selbstverteidigungs- und Deeskalationstraining an.

Mehr von RP ONLINE