Moers: Zwei (Feuerwehr)frauen für alle Fälle

Brandmeisterinnen aus Moers : Zwei (Feuerwehr)frauen für alle Fälle

Sie seien zu schwach, zu zierlich, zu sensibel für den Job: Diese Vorurteile über Frauen im Feuerwehrberuf gibt es noch heute. Anna Schmidt und Lena Zimmer stellen sich dagegen.

Sie sind auf Abruf bereit: Wenn es brennt, wenn es einen Autounfall gab, wenn ein junges Eichhörnchen auf der Fensterbank sitzt und die Hausbewohnerin Sorge hat, es komme nicht mehr ohne Hilfe hinunter. Jemand wählt 112, eine Sirene ertönt, Blaulicht – und die Feuerwehrmänner rücken an. Feuerwehrmänner. So heißen die Brandmeister und Brandmeisterinnen im Volksmund noch immer. Feuerwehrfrau – das sagt niemand. Und viele haben Vorurteile: Eine Frau, die einen Mann aus einem brennenden Haus ziehen soll, ist doch hoffnungslos überfordert. Oder nicht?

„Das wäre ich definitiv nicht“, sagt Lena Zimmer (28), Brandmeisterin in Moers. Sie arbeitet immer mit einem Kollegen zusammen. Allein einen Menschen zu retten – das kommt nur selten vor. Und wenn, dann sei sie stark genug: „Geht es um Leben und Tod, zieht man ihn aus dem brennenden Haus – egal wie.“ In solchen Momenten denkt sie nicht nach, bringt ihre ganze Kraft auf – ohne Rücksicht auf rückenschonendes Verhalten oder eine Tragetechnik. „Natürlich sind viele Männer stärker als ich. Aber man kann schon sagen, dass ich nicht schwächer bin als der Durchschnittsmann“, sagt Zimmer.

Dass den Job nicht jeder machen kann, da sind sie und Anna Schmidt (32) – ihre einzige Kollegin auf der Wache am Jostenhof – sich einig. Eine Brandmeisterin sollte sich ganz auf ihre Arbeit fokussieren können, den Kopf auch mal ausschalten, die Erlebnisse nicht mit nach Hause nehmen. Sie darf nicht psychisch labil sein, muss einen starken Charakter haben. Sonst gehe man an diesem Beruf zugrunde. „Doch das hängt alles nicht vom Geschlecht ab“, sagt Schmidt. „Frauen sind genauso geeignet für den Beruf wie Männer.“ Zimmer zum Beispiel könne sich niemals vorstellen als Bürokauffrau zu arbeiten. Schmidt und sie würden sich ohnehin nicht dem gängigen Frauenklischee zuordnen. „Wir erwarten nicht, dass unsere Kollegen uns anders behandeln, nur, weil wir Frauen sind“, stellt Schmidt klar. „Und wir sind keine Püppchen, die verlangen, dass man schwere Geräte für sie trägt“, ergänzt Zimmer.

Weil sie so unkompliziert ist und Glück hatte, musste sie nie um ihren Platz im Kollegium kämpfen. Die Moerser Brandmeister auf der Wache am Jostenhof empfingen Lena Zimmer in ihrer Mitte – und dort fühlt sie sich bis heute wohl. Dass da nie jemand Vorurteile gehabt habe, könne sie sich nicht vorstellen, sagt sie. „Doch niemand hat es gezeigt.“ Und so konnte sie sich beweisen, zeigen, dass sie ihre Arbeit genauso gut macht wie ihre männlichen Kollegen.

Zuerst war sie die einzige Frau. Dann kam Anna Schmidt dazu – und machte dieselbe positive Erfahrung. Das hat sie überrascht, ist sie doch selbst zu Beginn ihrer Karriere mit Vorbehalten konfrontiert worden. Sogar im privaten Umfeld hat sie Sätze gehört wie „Frauen sind bei der Feuerwehr fehl am Platz“. Heute ist das Kollegium ihre zweite Familie. Alle waren auf ihrer Hochzeit, haben sich mit ihr über ihr erstes Kind gefreut. Wenn sie Dienst hat, dann kocht und isst das Team zusammen, schläft im selben Raum – bis zum nächsten Einsatz. „Unser Beruf schweißt zusammen“, betont Schmidt. In einem Verwaltungsjob könne sie sich diese Verbundenheit nicht vorstellen. Schmidt und Zimmer wussten beide schon früh, dass für sie so ein Beruf nicht in Frage kommt. Bevor sie sich 18 Monate lang zu Brandmeisterinnen ausbilden ließen, waren sie Rettungssanitäterinnen. Der Ablauf – immer derselbe: Zum Patienten fahren, sich einen Überblick über die Lage verschaffen, den Patienten medizinisch versorgen und ins Krankenhaus bringen. „Dass ich den Menschen aktiv helfen konnte, hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Und dadurch, dass wir eine knappe Stunde mit dem Patienten verbracht haben, haben wir auch eher eine Bindung aufgebaut“, sagt Schmidt. Allerdings sei der Beruf – im Gegensatz zu einer Tätigkeit bei der Feuerwehr – nicht abwechslungsreich.

Als Brandmeisterinnen helfen sie überall, wo Not am Mann ist: Wenn Öl ausgelaufen ist, wenn eine Katze auf dem Baum sitzt, wenn ein Mensch in einer Baugrube verschüttet ist. Dass sie Brände löschen oder gar ein brennendes Haus betreten müssen, ist seltener. Zimmer erzählt von ihrem schlimmsten Einsatz. Dabei geht es nicht etwa um einen Großbrand. An der Essenberger Straße wurde damals ein Bauarbeiter unter Tonnen von feuchtem Sand begraben, weil er einen Bereich betreten hatte, der noch nicht abgesichert worden war. Die Kollegen versuchten, ihn herauszuholen – erst nach einigen Minuten wählte einer die 112. Zimmer und ihr Team konnten den Mann nur noch tot bergen. 15 Minuten war er lebendig begraben gewesen. „Damit muss ich umgehen können“, sagt Zimmer. Sie kenne keinen Kollegen, der nicht schon einmal mit einem Notfallseelsorger oder Psychologen gesprochen habe. Das sei wichtig, um mit traumatischen Erfahrungen abschließen und sich dem nächsten Einsatz widmen zu können.

Auch gegen verbale Attacken müssen sich Brandmeister und Brandmeisterinnen wappnen. „Die sind in den vergangenen Jahren leider gefühlt häufiger geworden“, sagt Schmidt. Woran das liegt, wissen die Kolleginnen nicht. Für Zimmer und Schmidt steht fest: „Wir werden nicht angepöbelt, weil wir Frauen sind, sondern, weil wir Rettungskräfte sind.“ Schlimm genug. Doch keine würde ihren Job für einen Tag gegen einen anderen tauschen wollen. Brandmeisterin zu sein – das ist ihre Berufung.