Dienstjubiläum in Moers Gemeinde überrascht ihren Pfarrer

Moers · Tobias von Boehn ist seit 30 Jahren evangelischer Pfarrer in Moers-Hochstraß. Seine Gemeinde bereitete zum Jubiläum heimlich einen besonderen Gottesdienst für ihn vor.

 Pfarrer Tobias von Boehn (zweiter von links) beim Gottesdienst zu seinem Dienstjubiläum.

Pfarrer Tobias von Boehn (zweiter von links) beim Gottesdienst zu seinem Dienstjubiläum.

Foto: Ev. Kirchengemeinde Moers-Hochstraß

Als Pfarrer Tobias von Boehn jüngst das Gemeindezentrum betrat, erlebte er eine Überraschung: Die evangelische Kirchengemeinde Moers-Hochstraß hatte einen Gottesdienst zu seinem 30-jährigen Dienstjubiläum vorbereitet. „Es hat mich sehr berührt, unerwartet meine Tochter zu erleben, wie sie mit unserem Vikar den Gottesdienst gestaltete, und das mit einer von mir entwickelten religionspädagogischen Methode“, sagte der Pfarrer. „Sie war zu Beginn meiner Dienstzeit hier in Hochstraß geboren worden.“ Die angehende Theologin, die zurzeit ihre Doktorarbeit schreibt, war aus Heidelberg angereist.

„Den Gottesdienst haben die Mitwirkenden heimlich geprobt, und ich habe es wirklich nicht bemerkt“, sagte Boehn schmunzelnd. Weggefährten aus den Jahrzehnten waren gekommen um zu gratulieren und sich zu bedanken. Er revanchierte sich seinerseits mit einer eigenen Rede. „Ich bin dankbar für diese Zeit und die wundervollen Menschen in Hochstraß“, sagte der 61-Jährige.  Etwa für das Vertrauen, das sie ihm entgegenbringen und die Freiräume, die sie ihm schenken. „Den Satz ‚das haben wir aber noch nie gemacht‘ habe ich hier kein einziges Mal gehört.“ Stattdessen habe er Rückhalt und Unterstützung für die Gemeindeprojekte, Respekt und Wertschätzung untereinander sowie Kreativität in der Gemeinde erlebt „Während ich mich anfangs eher als Initiator verstanden habe, der neue Gottesdienstformate und Veranstaltungen auf den Weg bringt, sehe ich mich jetzt in der Rolle des Unterstützers, der begleitet.“

So ist viel entstanden in der Zeit seit 1992: Etwa Projekte wie die Silvestershows, der Underground-Gottesdienst für Jugendliche, das Talkshow-Format Supp-Kultur. Im Jahr 2002 beim Elbhochwasser übernahm die Gemeinde eine Notpatenschaft mit der Kirchengemeinde Königstein in der Sächsischen Schweiz.  Die Gemeinde am Niederrhein organisierte zum Beispiel Trockenmaschinen von der englischen Army und Kleidersammlungen. Pfarrer und Gemeindeglieder reisten in die überschwemmten Gebiete und halfen dort.

Auch jetzt planen Gemeindeglieder wieder Projekte, weil sie vom Leid der Menschen, diesmal der Ukraine, berührt sind. „Unser Leitbild ‚In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen‘ können wir nun wörtlich nehmen und Ukrainerinnen in unserem Gemeindezentrum ein wenig Heimat geben.“ Etwa 20 Jahre alt ist auch der Förderverein, der Hauptamtlichkeit in der Senioren- und Jugendarbeit finanziell ermöglicht. In den letzten Jahren entstand auf dem gemeindeeigenen Youtube-Kanal eine Reihe mit 60 Sekunden-Andachten von Gemeindegliedern sowie Aufzeichnungen meist kreativer Gottesdienste.

In den Gottesdiensten sorgen verschiedene Bands für die Musik, kürzlich entstand mit Farbe und Pinsel während der Gottesdienste am Abendmahlstisch ein Bild, das zeigt, dass man auch in der Kriegssituation seinen Halt bewahren kann. „Gemeinde ist keine Ein-Mann-Show, sondern gemeinsame Weggemeinschaft.“ Seine Erfahrungen hat der Pfarrer in einige Buchveröffentlichungen einfließen lassen, zum Beispiel im „Werkwinkel“.

„Der Überraschungsgottesdienst bedeutet mir sehr viel. Wenn ich selbst zurückblicke, erinnere ich mich an meine Versäumnisse, dass ich Menschen und Erwartungen und meinen eigenen inneren Ansprüchen nicht immer gerecht geworden bin. Im Gottesdienst haben mir die Gemeindeglieder gezeigt, wieviel Gutes wir gemeinsam geschafft haben.“

(RP)