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Moers: Über die Tage der Befreiung vor 75 Jahren

Geschichte in Moers : Über die Tage der Befreiung vor 75 Jahren

Der Verein „Erinnern für die Zukunft“ gedenkt mit einer Veranstaltungsreihe der Befreiung des Altkreises Moers von NS-Diktatur und Faschismus am 3. März vor 75 Jahren.

Herr Schmidt, wie sahen die Tage der Befreiung vor 75 Jahren in Moers aus?

Ein erster Stoßtrupp der 84. US-Infanterie-Division näherte sich am Abend des 3. März der Biefang-Kreuzung, so ein direkter Anwohner, der dazu einen wunderbaren Plan zeichnete. Auch Studienrat Dr. Waldemar Martin brachte seine Erfahrungen in diesen schwierigen Tagen in Moers zu Papier. Sein Text wird im Stadtarchiv aufbewahrt. Die Amerikaner waren ein paar Monate hier, dann kamen die Engländer ins Landratsamt.

Wie haben die Moerser die Ankunft der Alliierten empfunden? Waren sie froh, dass der Zweite Weltkrieg vorbei sein würde und sie von der NS-Diktatur befreit sein würden?

Schmidt Das kommt ganz darauf an, wen Sie in diesen Tagen gefragt hätten. Bürgermeister Linden und NSDAP-Kreisleiter Dr. Bubenzer setzten sich frühzeitig über den Rhein ab. Sie wollten nicht befreit werden. Der Befreiung entgegen fieberten aber Tausende von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, die vielen Widerstandsfamilien und eine Jüdin, die den Krieg in Moers versteckt überlebt hatte. Moers hatte einen ziemlich braunen Bodensatz. Bei den letzten freien Wahlen 13 Jahre zuvor hatte die Hitler-Koalition besonders in der Mittelschicht und der Landwirtschaft 65 bis 80 Prozent der Stimmen erhalten. Es gab nicht wenige in unserer Stadt, die diese Tage im März 1945 nicht als Befreiung, sondern vielmehr als Katastrophe empfanden. Wie die Menschen damals dachten, damit haben sich die Schüler der Geschwister-Scholl-Schule auseinandergesetzt. Sie haben anlässlich der Befreiung der Stadt Moers vor 75 Jahren Zeitzeugen befragt. Sie werden ihre Berichte am Dienstag, 3. März, am Widerstandsmahnmal vorstellen.

Der Zweite Weltkrieg ging ja nicht spurlos an Moers vorüber. Wie sehr war die Stadt zerstört?

Schmidt Im Verhältnis zu Kleve und dem Brückenkopf Wesel war Moers nur sehr wenig zerstört. Es waren vor allem die Stadtteile Hochstraß und Meerbeck betroffen. Sie lagen zwischen dem Bahnhof und dem Treibstoffwerk. Ausgerechnet die Bergarbeiterschaft in der „Kolonie“, die gegen Hitler Widerstand geleistet hatte, traf der Bombenhagel am stärksten. Sie müssen sich das mal vorstellen: Als das Treibstoffwerk in Meerbeck am 1. Mai 1939 eingeweiht wurde, eilten 30.000 Menschen herbei. Sie freuten sich über die Arbeitsplätze und die Wohnungen in der „Treibstoffsiedlung“. Damals hieß es reichsweit: Benzin aus Kohle. Wofür denn, wenn nicht für den geplanten Krieg?

Der Verein „Erinnern für die Zukunft“ besteht seit 25 Jahren. Was war der Anlass, ihn 50 Jahre nach Kriegsende zu gründen?

Schmidt Die Gründung des Vereins folgte kurz auf das Erscheinen von „Tatort Moers“, das Fritz Burger und ich 1994 herausgebracht hatten. Mit dieser Dokumentation begann eine intensive Aufarbeitung des Nationalsozialismus sowie des Widerstands in Moers und der Region. In dem Buch hatte Fritz Burger bereits über das Schicksal der Zwangsarbeiter in unserer Stadt berichtet. Bald nach der Gründung kam es zu einer ersten Einladung von Betroffenen aus der Ukraine. Es ist bis heute leider nicht im Bewusstsein unserer Bevölkerung, dass damals allein im Raum Moers 930 junge Zivil- und Kriegsgefangene ums Leben kamen. Die Nazi-Zeit wurde bis in die 1980er Jahre hinein, so würde ich sagen, souverän verdrängt.

Was hat der Verein „Erinnern für die Zukunft“ bis heute auf den Weg gebracht?

Schmidt Es gibt heute in Moers eine breite Erinnerungskultur, die nun auch die NS-Zeit mit einbezieht. Viele Gruppen sind gut untereinander vernetzt und halten die Erinnerung wach. Sie erfahren aus Kirche und Politik große Unterstützung. Moers ist heute viel weltoffener. Zu den bleibenden Erfolgen unserer Vereinsarbeit gehören neben Dokumentationen wie „Tatort“ und „Moers unterm Hakenkreuz“ die Besuche ehemaliger Zwangsarbeiter, eine Reihe sehr erfolgreicher Wanderausstellungen, die Errichtung des Mahnmals zu Ehren der Kreis Moerser Widerständler, die Gründung von „Wir sind bunt, nicht braun“ und die Verlegung – zusammen mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit – von mehr als 100 Stolpersteinen in Moers zur Erinnerung an Opfer der Nazis. Heute gibt es in der Stadt mehr als ein Dutzend Straßennamen und Gedenktafeln, die an NS-Opfer erinnern. Für das Widerstandsmahnmal haben wir vor dem Alten Landratsamt einen zentralen Platz in der Stadtmitte gefunden. Und das Alte Landratsamt lädt uns jetzt ein, dort ein Haus der Demokratie aktiv zu betreiben. Zu unserem 25-jährigen Bestehen erscheint eine Festschrift, die uns – über den Verein weit hinaus – zu einer Zwischenbilanz der Erinnerungskultur in Moers heute geraten ist.

Wenn Sie heute auf Deutschland gucken, was empfinden Sie dann?

Schmidt Die politische Lage – nicht nur in Deutschland – macht mir Sorgen. Die AfD ist mehr als ein Wolf im Schafspelz. Deshalb müssen wir die Brandmauer hochhalten. Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass man mit der Sprache Untaten gedanklich vorbereiten kann – wie heute die rassistischen und rechtsterroristischen Morde. Der NS-Bürgermeister von Neukirchen-Vluyn forderte schon 1932 in einem Brief an den Landrat, eine kommunistische Gruppe „als Pestbeule am deutschen Volk auszumerzen“. Dieses Denken und diese Sprache haben zu Auschwitz geführt. Rechtspopulisten haben natürlich immer dann Konjunktur, wenn die staatstragenden demokratischen Parteien die Probleme der Menschen nicht lösen und die soziale Spaltung zunimmt.

Anlässlich der „Tage der Befreiung“ planen sie eine kleine Veranstaltungsreihe. Auf welche Begegnung freuen Sie sich besonders?

Schmidt Wir erwarten am Samstag, 21. März, den Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist Götz Aly im Alten Landratsamt. Seine Arbeiten befassen sich mit Holocaust, Antisemitismus, nationalsozialistischer „Rassenhygiene“ und „Euthanasie“. Dabei hat er den Deutschen immer wieder nachgewiesen, dass sie sehr viel mehr selbst dabei waren, als sie es sich bis heute eingestehen wollen.