Moers: Serie Klingelbeutel: Die Kraft der Kerzen und Gebete

Klingelbeutel : Die Kraft der Kerzen und Gebete

Pastoralreferent Reiner Ottersbach schreibt über die besondere Bedeutung des Kerzenlichtes auch beim Fall der Mauer vor 30 Jahren.

Der November und Dezember gehören zu den dunkleren Monaten des Jahres. Um die Gemütlichkeit zu Hause zu steigern, werden in dieser Jahreszeit häufig Kerzen angezündet. Auch bei uns, in der Kapelle des Sankt-Josef-Krankenhauses gibt es die Möglichkeit, auf einen eigens dafür geeigneten Ständer eine Kerze zu entzünden.

Viele Menschen nehmen das Angebot gerne an und zünden eine Kerze an, um so ein wenig Ruhe zu finden, und verbinden dieses mit einem Gebet. Früher waren diese Kerzen als Opferlichter bekannt. Doch diesen Begriff hört man kaum noch. Das Wort Opfer hat einen komischen Beigeschmack bekommen. Bei den meisten Menschen ist der Opfergedanke nicht mehr modern. Ich gebe etwas – das heißt opfern. Früher als die Menschen noch kein elektrisches Licht hatten, war es notwendig ein Licht anzuzünden, um sich zu orientieren. So waren Kerzen oft die einzige Möglichkeit, sich im Dunkeln der Nacht zurecht zu finden. Auch wir Menschen, besonders kleine Kinder, fürchten uns im Dunkeln. Das Dunkel wird oft verbunden mit dem Unbekannten, vor dem ich mich fürchte. Im Dunkeln kann ich mich nicht orientieren und finde meinen Weg nicht, so brauchten wir früher das Kerzenlicht, um unseren Weg zu finden.

Gerade im Krankenhaus begegne ich oft Menschen, die die Orientierung verloren haben. Sei es durch eine schlimme Krankheit, einen Unfall, oder die Verlusterfahrung eines wichtigen Menschen. Für sie ist es wichtig, zur Ruhe zu kommen und sich zu besinnen. Hierzu lädt eine Kerze in unserer Kapelle ein. Der Küster und ich wundern uns oft wie viele Kerzen gerade in letzter Zeit verbraucht werden, oft gehen die Vorräte zu Neige und wir müssen sie wieder auffüllen.

Rainer Ottersbach Pastoralreferent an den Krankenhäusern in Moers. Foto: Gemeinde St. Josef

Doch sind Kerzen und Gebete nur zur Beruhigung und Orientierung gut oder können sie die Wirklichkeit beeinflussen? Heute vor 30 Jahren fiel die Mauer, die Berlin und Deutschland in Ost und West teilte. Die Wende und der Mauerfall, den man lange Zeit für unmöglich hielt, verlief „Gott sei Dank“ friedlich. Im Voraus fanden mehrere Demonstrationen in mehreren ostdeutschen Städten statt. Angefangen hatten die Demonstrationen in der Leipziger Nicolaikirche mit Kerzen und Gebeten. Viele betrachten die „friedliche Revolution“ als ein Wunder. Ich weiß von Augenzeugen, dass die Situation sehr angespannt war, so das eine Niederschlagung der Demonstrationen durch die Armee befürchtet wurde. Doch glücklicherweise nahm die Geschichte einen friedlichen Ausgang. Später sagte der damalige SED-Funktionär Horst Sindermann: „Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten.“

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