Moers: PCB-Testraum stellt Fachleute vor Rätsel

Untersuchungen in Moerser Schule : PCB-Testraum stellt Fachleute vor Rätsel

An der Anne-Frank-Gesamtschule in Moers ist eine PCB-Sanierung geplant. Vor dem Start wird das Vorhaben in einem Klassenzimmer geprobt. Die Messergebnisse bleiben trotz Entfernung des Schadstoffes unerwartet hoch.

Dies war mal ein ganz normales Klassenzimmer der Anne-Frank-Gesamtschule. Wer den Raum aber durch eine vor den Eingang gesetzte „Schleuse“ betritt, könnte sich in einem Rohbau wähnen: Decke, Boden, Wände, alles ist bis auf nackten Beton und nackte Steine abgestrahlt und abgefräst. Während nebenan der Unterricht läuft, dient das ehemalige Klassenzimmer dem Zentralen Gebäudemanagement der Stadt Moers (ZGM) als „Pilotsanierungsraum“: Dort wird die geplante PCB-Sanierung des Ende der 60er Jahre erbauten Hauptgebäudes der Schule im kleinen Maßstab erprobt. Wann die große Sanierung erfolgt, ist offen. Denn der Pilotraum stellt die Schadstoff-Experten vor ein Rätsel, das vorher gelöst werden muss: Alle PCB-haltigen Stoffe sind so weit wie möglich entfernt und abgetragen. „Eigentlich dürfte kaum noch PCB zu messen sein“, sagt ZGM-Betriebsleiter Marc Horsters. Tatsächlich werden aber Werte ermittelt, die zwar unter der empfohlenen Grenze liegen, aber zu hoch sind, um vernachlässigt zu werden. „PCB ist Temperatur-sensitiv“, sagt Horsters. Will sagen: Im Sommer steigen die Werte – und damit auch das Risiko, über den Grenzwert zu gelangen.

Ralf Sadura an einem der acht Luftreiniger der Schule. Foto: Josef Pogorzalek

PCB wurde früher viel verwendet, in Kondensatoren, Transformatoren, Hydraulikanlagen. Auf dem Bau war es als Weichmacher in Dichtungsmassen, in Lacken, Farben und Kunststoffen in Gebrauch. Das ist zum Glück Vergangenheit, heute gilt PCB als giftig und möglicherweise krebserregend. Beim Bau der Schule war PCB vor allem in Fugen verarbeitet worden. Schon 2001/2002 fand an der Schule eine erste PCB-Sanierung statt. „Nach dem damaligen Stand des Wissens“, sagt Horsters. Es blieben PCB-Reste, die sich nach dem damaligen Experten-Urteil „weglüften“ sollten. Aber weggelüftet hat sich gar nichts. Zudem seien die PCB-Grenzwerte weiter gesenkt worden, sagt Horsters. „Wir laufen den Grenzwerten hinterher.“

Wenn es um Schadstoffe wie PCB oder Asbest geht, neigten Menschen schnell zur Hysterie, sagt Ralf Sadura, der die Schadstoffsanierung vonseiten des ZGM betreut. Auch an der Gesamtschule habe es besorgte Stimmen gegeben. „Wir haben das Thema durch sachliche Aufklärung aufgefangen.“ Die Gesundheit der Schüler und Lehrer sei nicht in Gefahr. „Aber wir nehmen die Sache ernst“, betont Sadura. So wurde an der Schule ein Lüftungsmanagement eingerichtet. Eigens beauftragte Mitarbeiter sorgen für eine gründliche morgendliche Durchlüftung aller Räume, und Kippfenster auf den Fluren lassen sich computergesteuert öffnen. Auf den Fluren sind zudem Tag und Nacht Luftreinigungsgeräte in Betrieb, und die Putzkolonne wird durch eine weitere unterstützt, die regelmäßig zum Beispiel Staub auf Schränken und an anderen schwerer zugänglichen Stellen entfernt. Eine weitere Vorsichtsmaßnahme: Da für schwangere Frauen besonders niedrige Grenzwerte zu beachten sind, wird Unterricht mit Lehrerinnen oder Schülerinnen, die Kinder erwarten, in ein anderes Gebäude ausgegliedert.

Regelmäßig finden an der Schule PCB-Messungen statt. „Wir haben 90 Messpunkte im Gebäude verteilt“, sagt Sadura. Auch im Pilotsanierungsraum werden sich Experten erneut auf die Suche nach der rätselhaften PCB-Quelle machen. Die gute Nachricht laute, so Horsters: „Das Gebäude ist sanierungsfähig.“ 17 Millionen Euro soll die PCB-Sanierung voraussichtlich kosten. Ein Neubau wäre laut Marc Horsters zwölf Millionen Euro teurer.

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