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Moers: Neue Stolpersteine zum Gedenken an Nazi-Opfer

Neun neue Stolpersteine : Moerser gedenken der Opfer von Nazis

Am 7. Oktober werden neun „Stolpersteine“ verlegt. Sie erinnern an Opfer von Krankenmorden und an eine Familie, deren Mitglieder verfolgt und in den Tod getrieben wurden.

Zum achten Mal seit 2013 werden in Moers sogenannte Stolpersteine in den Boden vor Häusern eingelassen, in denen einst Menschen lebten, die von den Nationalsozialisten verfolgt und g umgebracht wurden. Insgesamt fünf Steine, die am 7. Oktober in den Stadtteilen Hochstraß und Scherpenberg verlegt werden, erinnern an Opfer der „Euthanasie“: Gustav Grünewald, Gertrud Coblenz, Johann Schürmann, Ernst Hartmann und Ignatz Wozniak waren ermordet worden, weil sie als krank galten. Zudem wird in der Innenstadt der Familie Isaacson mit einem Gedenkstein gedacht.

„Wir haben uns eigentlich vorgenommen als Gesellschaft, nur Stolpersteine für ermordete Juden zu legen“, erläuterte am Donnerstag Heidi Nüchter-Blömeke vom Verein für christlich-jüdische Zusammenarbeit Moers, der gemeinsam mit dem Verein „Erinnern für die Zukunft“ das Projekt vorbereitet hat. „Das ist mit einem Grabstein vergleichbar. Den bekommt der Tote, nicht der Überlebende. So haben wir das bisher vertreten.“ Diesmal sei das aber anders gelaufen, sagte Nüchter-Blömeke. „Wir haben eine Familie ausgewählt, die nicht ermordet wurde, aber unter der Nazi-Herrschaft sehr schwer gelitten hat“. Und deren Mitglieder flüchten mussten oder in den Selbstmord getrieben wurden.

 Gustav Grünewald wurde als Psychiatire-Patient Opfer der „Euthanasie“.
Gustav Grünewald wurde als Psychiatire-Patient Opfer der „Euthanasie“. Foto: NS-Dokumantationsstelle Moers/NS-Dokumentationsstelle Moers

Der gebürtige Dinslakener Leopold Isaacson war über Gelsenkirchen nach Moers gekommen. 1912 heiratete er Rosa Kann, die mit ihrer Schwester Elly ein Damenputzgeschäft an der Homberger Straße 13 betrieb. Ihre im September 1914 geborenen Zwillinge Ernst Wilhelm und Heinz Josef benannten beide nach dem deutschen Kaiser und dem österreichischen Thronfolger. Leopold ging im Ersten Weltkrieg als Unteroffizier einer Funktruppe bei Metz an die Westfront, führte mit seiner Frau nach der Rückkehr aus dem Krieg das Geschäft.

 Ein frühes Foto der Familie Isaacson, an deren Schicksal künftig Stolperstene erinnern werden.
Ein frühes Foto der Familie Isaacson, an deren Schicksal künftig Stolperstene erinnern werden. Foto: NS-Dokumentationsstelle Moers

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 und der Entrechtung der Juden floh Ernst Wilhelm nach Holland, drei Jahre später nach Palästina, wo er im Kibbuz überlebte. Der zweite Sohn, Heinz Josef, studierte in Berlin, wollte Rabbiner werden und sollte 1936 wegen seiner Asthma-Erkrankung sterilisiert werden. Seine Mutter fuhr nach Berlin, kam aber zu spät. Sie erlitt dort vermutlich am 6. Juli 1936 einen Herzinfarkt und starb. Leopold Isaacson zwangen die Nazis 1937, Geschäft und Haus an der Homberger Straße aufzugeben und an die Fieselstraße 17 zu ziehen. Als sein Sohn Heinz Josef das erfuhr und ebenfalls nach Palästina flüchten wollte, brachte er sich am 25. Januar 1938 um.

Die fünf „Euthsanasie“-Opfer, für die Gedenksteine verlegt werden, wurden im Rahmen der „Aktion T“ zwischen 1940 und September 1941 getötet. Damals wurden Menschen aus Heil- und Pflegeanstalten wie Bedburg-Hau in zentrale Anstalten „verlegt“ und häufig noch am selben Tag ermordet. „Die meisten dieser Tötungsanstalten gab es im Osten, in Brandenburg, aber auch in Hamar im Norden“, erläuterte Rita van Vangerow-Hauffe vom Verein „Erinnern für die Zukunft“.

Im August 1941 sei die Aktion aufgrund einer Intervention des Kardinals von Galen von Hitler gestoppt worden, sagte van Vagerow-Hauffe. Danach habe man die Kranken in „Zwischenanstalten“ untergebracht. „Dort hat man die Kranken langsam bei Wassersuppe verhungern lassen. Sie bekamen Spritzen. Und es gab für sie nicht die nötigen Medikamente.“

Eines dieser Schicksale ist das von Gustav Grünewald. Er kam im Jahr 1905 von Gevelsberg mit seiner Familie nach Moers. Der Sohn eines Wirtes zog zunächst in eine Wohnung in der Cecilienstraße, bevor er neun Jahre später an der damaligen Akazienstraße 342 – der heutigen Homberger Straße – das „Lokal Grünewald“ eröffnete.

Am 20. April 1943 erfolgte seine Einlieferung in die Psychiatrie nach Düsseldorf-Grafenberg, tags darauf wurde er in die Anstalt Johannistal-Waldniel verlegt, dann am 6. Juli aus „Luftschutzgründen“ in die Ueckermünder Anstalt gebracht. Dort starb er laut seiner Krankenakte am 31. Dezember „nach zwei Wochen zunehmender Hinfälligkeit“.