Moers: Mit der Stadtführerin den Wall erkunden.

400 Jahre oranische Befestigungsanlage in Moers : Mit der Stadtführerin den Wall erkunden

Annerose Fusenig erzählt, gewandet wie vor 400 Jahren, wie die oranische Befestigungsanlage errichtet wurde.

Johanna von Schweichel freut sich schon auf das abendliche Bankett, als sie eine Depesche ihres Mannes Alexander ereilt. Der Drost von Moers weilt am Hof in Den Haag und schafft es nicht rechtzeitig zurück. Jetzt muss sie als Ehefrau den abendlichen Kontrollgang auf dem Wall unternehmen und die Bauarbeiten überprüfen, damit die neue Befestigungsanlage den Plänen entsprechend errichtet wird. Auf dem Weg passieren aber merkwürdige Dinge . . . So oder ähnlich könnte es sich vor 400 Jahren zugetragen haben, als Prinz Moritz von Oranien beim berühmten Baumeister Simon Stevin die Planung der Moerser Befestigungsanlage in Auftrag gab.

Stadtführerin Annerose Fusenig hat anlässlich dieses Jubiläums eine neue Führung entwickelt, auf der sie die Moerser mitnimmt in die Zeit zwischen 1601 und 1620. Die hochmoderne Anlage, die damals errichtet wird, ist noch heute im Stadtbild der Grafenstadt erlebbar. „Die Moerser sprechen gerne auch vom Wall. Ich finde, das Jubiläum ist ein schöner Grund, die Befestigungsanlage intensiv zu erkunden. Die Moerser können stolz auf das Bauwerk sein, das die Stadt seinerzeit vor Feinden und Hochwasser geschützt hat“, sagt die 64-jährige Stadtführern. Seit zwölf Jahren eröffnet sie Moersern und Besuchern im Rahmen von Rundgängen einen Einblick in die Geschichte der Grafenstadt. Annerose Fusenig bedauert es sehr, dass die Stadt dieses besondere Jubiläum noch nicht in den Blick genommen hat.

„Simon Stevin hat damals eine einzigartige Stadtbefestigung entwickelt, sozusagen eine neue Generation. Es ist eine bedeutende Hinterlassenschaft“, sagt sie. Er sei in den Niederlanden und Flandern als „Leonardo da Vinci des Nordens“ bekannt. Er war Mathematiker, Physiker, Astronom und Gründer der ersten Ingenieurs-Hochschule in Leiden. „Für Moers entwarf er eine Befestigung, deren sternförmige Anlage auf die Verteidigung mit schwerer Artillerie ausgerichtet war. Die oranische Anlage bestand aus einer inneren und äußeren Befestigung“, erläutert Fusenig. Die Wirren des 30-jährigen Krieges konnten ihr dank der geschickten Politik der Oranier nichts anhaben. Erst 1764 wurde die innere Befestigung um das heutige Schloss vom Preußenkönig Friedrich II: geschleift, also abgetragen. Annerose Fusenig hatte ursprünglich vor, für diese Jubiläums-Führung in eine Männer-Rolle zu schlüpfen. „Meine Freundin meinte aber: Weib bleibt Weib“, erzählt die Stadtführerin lächelnd. Also beschloss sie, als Johanna von Schweichel auf den Rundgang zu gehen. „Sie ist eine geborene von Pelden, genannt Cloudt, und stammt aus einem alten Adelsgeschlecht. Ihr Vater war der erste Drost der Stadt Moers“, weiß die Stadtführerin. Als höchster Beamter in der Stadt hatte auch ihr Ehemann die Verwaltung inne, wenn Moritz von Oranien nicht in Moers war. Zu seinen Aufgaben gehörte der abendliche Kontrollgang auf der Wall-Baustelle. Die Bauarbeiten um die Altstadt dauerten übrigens 20 Jahre.

Fusenigs Vorbereitungen begannen vor fünf Monaten, die geschichtlichen Fakten wurden geprüft, die Gewandung kreiert und die Medien zur Veranschaulichung besorgt. Johanna von Schweichel ist auf dem Rundgang festlich gewandet, im spanischen Modestil der Zeit: also mit Halskrause, Hut und Umhang. Die Tour startet immer am SCI-Haus am Südring in Moers.

Eine Ansicht der historischen Befestigungsanlage der Stadt. Die Wall- und Grabenanlagen prägen noch heute das Moerser Stadtbild. Foto: Stadt

Von dort aus geht es in den Park, wo die Frau des Drosten viele merkwürdige Dinge findet – ein Fernrohr, eine Schatzkiste und viele andere Dinge mehr. „Es handelt sich um Rätsel, die zu lösen sind. Die Dinge erklären zum Beispiel die Bedeutung des Hornwerkes, den Aufbau der Wälle und die Hochwassergefahr.“ Die neue Stadtführung wird nur dieses Jahr angeboten. Sie endet immer mit einem deftigen Schmaus für die Teilnehmer.