Moers: Krankenhaus Bethanien zieht erste Bilanz zum Pflegeberufegesetz

Interview : „Neues Gesetz stärkt Pflegefachleute“

Die Leiterin der Krankenpflegeschule am Bethanien erklärt, wie sich die Ausbildung durch das Pflegeberufegesetz ändert.

Frau Kasilmis, was ändert sich durch das Pflegeberufegesetz in der Pflegeausbildung?

Birsel Kasilmis Zukünftig werden die drei Berufe Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege zusammengefasst zu einem. Es gibt dann den Beruf Pflegefachfrau oder Pflegefachmann. Die Pflegeausbildung ist generalistisch ausgerichtet, das heißt, sie zielt auf Kompetenzen, die für die Pflege von Menschen aller Altersstufen in unterschiedlichen Pflege- und Lebenssituationen sowie in verschiedenen institutionellen Versorgungskontexten notwendig sind.

Welche Vorteile bringt das Gesetz aus Ihrer Sicht?

Kasilmis Die Pflegefachfrauen oder Pflegefachmänner werden dahingehend gestärkt, dass sie vorbehaltene Tätigkeiten zugeschrieben bekommen, die im Gesetz verankert sind. Sie tragen demnach die Verantwortung für die Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs, für die Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses sowie für die Analyse, Evaluation, Sicherung und Entwicklung der Qualität der Pflege. Das gilt aber nur für die generalistische Ausbildung. Nach zwei Jahren dürfen die Auszubildenden entscheiden, ob sie eine Vertiefung in der Kinderkrankenpflege oder der Altenpflege machen. Da unterliegen sie nicht mehr diesen vorbehaltenen Tätigkeiten.

Welche Nachteile könnte das neue Gesetz bringen?

Kasilmis Eine gewisse Klientel könnte verloren gehen. Die Kompetenzen sollen durch dieses Gesetz gestärkt werden. Schüler sollen selbständig lernen. Dadurch könnte es passieren, dass Menschen, die weniger Bereitschaft für ein Lernen in Eigenverantwortung mitbringen, scheitern können.

Das heißt, Sie haben die Sorge, dass manchen Leuten der Weg in den Beruf erschwert wird?

Kasilmis Die Anforderungen, aber auch die Klientel in der Altenpflege waren immer ein bisschen anders als in der Krankenpflege. Das neue Gesetz sieht für die generalistische Ausbildung einen mittlerer Schulabschluss vor, also einen Hauptschulabschluss plus eine erfolgreich abgeschlossene Berufs- oder Assistenz-/Helferausbildung oder eine zehnjährige allgemeine Schulbildung. Auszubildende mit den unterschiedlichsten Zugangsvoraussetzungen werden jetzt sozusagen in einen Topf geschmissen und machen die gleiche Ausbildung. Das wird eine Herausforderung sein.

Das Gesetz ist zum 1. Januar in Kraft getreten. Wie haben Sie sich auf die Reform vorbereitet?

Kasilmis Im August sind Rahmenlehrpläne durch eine Fachkommission rausgegeben worden. Daraus kann jede Schule ihr eigenes schulinternes Curriculum entwickeln. In diesem Rahmen sind auch Module zur Vorbereitung für die Schulen angeboten worden. Das heißt, die Schulen wurden vorbereitet.

Wie sieht die Ausbildung momentan bei Ihnen aus und was wird sich daran ändern?

Kasilmis Wir haben Mitte des vergangenen Jahres auf 200 Ausbildungsplätze aufgestockt. Wir bieten hier bislang Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege an. Demnächst werden wir stattdessen die Vertiefungsschwerpunkte anbieten. Das heißt: Pflegefachfrau mit Vertiefungsschwerpunkt Pädiatrie, Vertiefungsschwerpunkt Langzeitpflege oder Vertiefungsschwerpunkt stationäre Pflege.

Die Auszubildenden müssen nach dem neuen Gesetz verschiedene Stationen durchlaufen, zum Beispiel in der Kinderpflege, der Altenpflege und der Psychiatrie. Gab es das System mit den Stationen bereits im alten System?

Kasilmis In gewisser Weise. Aber das neue Gesetz sagt, in welchem Zeitraum der Schüler wohin muss. Das macht den Spielraum natürlich ein bisschen kleiner, vor allem wenn geballt mehrere Schüler kommen. Nicht jede Stelle, die ausbilden will, hat eine Pädiatrie oder eine Psychiatrie. Jeder, der ausbildet, muss, wenn er diese Einsatzorte nicht hat, ein Kooperation haben, wo er die Auszubildende einsetzen kann.

Gibt es denn etwas, dass Sie bereits im Vorfeld des neuen Gesetzes umgesetzt haben?

Kasilmis Wir haben eine Weiterbildung zum Praxisanleiter, die bieten wir auch schon seit längerem an. Mit dem neuen Gesetz hat sich die Weiterbildung dahin gehend verändert, dass die Praxisanleiter eine einjährige Berufserfahrung haben müssen und eine Weiterbildung von mindestens 300 Stunden nachweisen sollen. Außerdem müssen sie sich jetzt jährlich im Umfang von 24 Stunden weiterbilden, um als Praxisanleiter weiter tätig sein zu können. Ende 2019 haben wir bereits mit einem Kursus angefangen, in dem wir etwas mehr als dreihundert Stunden anbieten. Früher waren es rund 200 Stunden.

Wie ist das Verhältnis Praxis/Theorie in der Ausbildung momentan bzw. wie wird es ab dem nächsten Jahr sein?

Kasilmis Es sind weiterhin 2100 Stunden Theorie und 2500 Stunden Praxis eingeplant. In der generalistischen Ausbildung haben die Auszubildenden den gleichen Unterrichtsstoff. Der Unterschied liegt dann aber je nach Vertiefungsschwerpunkt in der Praxis.

Wie stehen Sie persönlich zu dem Gesetz?

Kasilmis Ich finde es gut, dass jetzt eine generalistische Ausbildung kommt. Das wird schon seit Jahren diskutiert. Was ich aber kritisiere ist, dass die Schulen – und da spreche ich, glaub ich, für fast jede Schule – wenig Zeit gehabt haben. Der Rahmenlehrplan ist erst im August veröffentlicht worden. Das heißt, Schulen, die jetzt zum 1. Januar angefangen haben, hatten kaum Zeit, das Curriculum umzusetzen. Da steht ein enormer Druck dahinter.

Ist das für Sie auch ein Problem? Wann beginnt die Ausbildung bei Ihnen?

Kasilmis Wir fangen zum 1. April an und unser Streben ist, dann auch mit allem fertig zu sein. Wir sind schon gut dabei, der Rahmenausbildungsplan steht. Was auch ein bisschen schwierig ist: Wir fangen mit dem neuen Gesetz an, parallel läuft aber noch das alte Gesetz. Die jetzigen Jahrgänge müssen ja auslaufen.