Neue Sonderausstellung in Moers Grafschafter Museum erzählt von historischen Räuberbanden

Moers · Das Grafschafter Museum befasst sich in einer neuen Ausstellung mit Räuberbanden, die von der Spätantike bis zum 19. Jahrhundert in der Region ihr Unwesen trieben. Was das Rahmenprogramm zu bieten hat.

Stilecht als Räuber im Schloss (v.l.): Gaby Herchert, Fania Burger, Ingrid Misterck-Plagge und Diana Finkele.

Stilecht als Räuber im Schloss (v.l.): Gaby Herchert, Fania Burger, Ingrid Misterck-Plagge und Diana Finkele.

Foto: Norbert Prümen

Wilhelm Brinkhoff hat sich ja so manches starkes Stück geleistet. Nicht umsonst gab man ihm den Namen „Schinderhannes vom Niederrhein“. Doch das, was sich der Räuber aus Alpen auf dem Moerser Schloss Lauersfort Mitte des 19. Jahrhunderts erlaubte, schlug dem Fass den Boden aus: Beim Einbruch in die Hauskapelle findet er die aufgebahrte Leiche des kurz zuvor verstorbenen Schlossherren. Brinkhoff zieht sich das Leichengewand an, durchstöbert wie ein Gespenst das Schloss, steckt Schmuck und andere wertvolle Gegenstände ein. Als er ertappt wird, legt er sich kurzerhand in den Sarg des Schlossherren, lässt sich mit beerdigen, um sich nach der Trauerfeier zu befreien. Seit Freitag erzählt das Grafschafter Museum in Moers zahlreiche irrwitzige, aber auch schreckensvolle Geschichten über Räuberbanden und Raubritter am Niederrhein und bringt Licht in so manche finstere Räuberhöhle.

„Räuber der Provinz“ ist der Titel der Sonderausstellung, die sich mit historischen Räubern und Räuberbanden im Rhein-Maas-Raum beschäftigt. Der weite Bogen, den die neue Sonderausstellung schlägt, hat einen Grund: Die Ausstellung ist Teil des aktuellen Themenschwerpunktes „Provinz“ von Kulturraum Niederrhein und Niederrheinischem Museumsnetzwerk, an dem sich etwa 40 Museen beteiligen. Die Idee, sich zum Thema Provinz mit Dieben und Mördern am Niederrhein im Laufe der Geschichte auseinanderzusetzen, lag für die Moerser Museumsleiterin Diana Finkele auf der Hand. „Provinz ist Hinterland, und die Grenzlage war für die Räuberbanden perfekt, um ihren Verfolgern zu entgehen“, erläutert sie. Dabei haben die Ausstellungsmacher immer die Frage im Blick behalten, ob die „Räuber“ nun romantisierte Helden oder gemeine Schurken, Sozialrebellen oder einfach nur Meuchelmörder und Diebe waren.

Die Zeitreise, die im zweiten Obergeschosses des Museums ansprechend aufbereitet und gestaltet ist, beginnt in der Spätantike. Erzählt wird vom fränkischen Räuberhauptmann Charietto, der Mitte des 4. Jahrhunderts eine beachtliche Karriere bis zum Befehlshaber in den germanischen Provinzen hinlegte. Auch die Wikinger kommen in der Ausstellung vor. Die fuhren um 860 den Rhein rauf und plünderten unter anderem die Stadt Xanten.

In der Ausstellung geht es um Raubritter wie Gerhard II. von Rheydt, der sich gerne mal auf das Fehderecht berief, um Geiselnahmen und räuberische Erpressung zu rechtfertigen. Die Besucher der Ausstellung treffen aber auch auf die Große Siechenbande, deren Schlupfwinkel die Siechenhäuser zwischen Köln, Aachen und Düsseldorf waren, und um die Mehlbeutel-Bande, zu der 68 Personen gehörten, darunter zehn Frauen, die zwischen 1756 und 1763 in der Region für Unruhe sorgte. Im Mittelpunkt stehen außerdem die Bockreiter-Bande, der Arzt Josef Kirchhoffs und der berühmt-berüchtigte Mathias Weber alias der Fetzer.

Neben den Geschichten gibt es auch Anschauliches wie Räuberpistolen und -gewehre, Folterwerkzeuge wie zum Beispiel Daumenschrauben und vieles mehr zu sehen. Denn: Festgenommene wurden der „peinlichen Befragung“ bis zum Geständnis unterzogen. Die Sonderausstellung im Grafschafter Museum ist kindgerecht konzipiert. Toni-Figuren erzählen die Hintergründe anschaulich und verständlich.

Es ist außerdem ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen und Seminaren geplant. Gaby Herchert, Professorin an der Universität Duisburg-Essen, hält im März 2023 einen Vortrag über Raubritter, Räuberbanden und anderen Gelichtern. Auf Kinder wartet das Bilderbuchkino der Bibliothek, auf Kinofans der Film „Das Wirtshaus im Spessart“ (1. Dezember) und auf Wissensdurstige und historisch Interessierte ein offenes Seminar der Universität Duisburg-Essen im Januar zum Thema „Pranger, Folter, Gnadenstoß. Formen von Recht und Gerechtigkeit im Mittelalter und der Frühen Neuzeit“.

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