Moers Festival: "Untertagemusik" fängt Pulsschlag des Bergbaus ein

Moers : Klang und Film fangen Pulsschlag des Bergbaus ein

„Untertagemusik No. 3“ im Alten Landratsamt.

Wasser, Wärme und Wind sind zu spüren, wenn zwei Bergleute in einem Streb stehen, der Klang tropfenden Wassers sich mit dem Kreischen der Schrämmaschine und dem Pfeifen der Luft zu einem Cluster verbinden. Die Kumpel springen über Pfützen, ihnen läuft der Schweiß von der Stirn und ihre Hemden flattern, während die Klänge sich farblich verändern, neue sich durchsetzen oder alte abreißen.

In der audiovisuellen Klangkomposition „Untertagemusik No. 3“ fangen Komponist und Schlagzeuger Frank Niehusmann sowie Kameramann Jochen Balke Bewegung und Atmosphäre des Steinkohlenbergbaus ein. In der Nacht von Samstag auf Sonntag bearbeitete Niehusmann im Alten Landratsamt sein elektronisches Schlagzeug, während Balke den Videofilm auf eine Leinwand im großen Saal warf. Damit wurde das frisch renovierte Gebäude neuer Spielort des Moers Festivals.

Niehusmann, der Klangkompositionen für Film, Fernsehen, Video, Radio und Theater schreibt, hat Maschinen 1000 Meter unter der Erdoberfläche aufgenommen, zum Beispiel von Dieselkatzen, Schrämmaschinen, Hydraulikschilden, Fördergurten oder Ankerschießern. Geräusche aus der Untertage-Arbeitswelt sammelte er 15 Jahre lang bis 2010, vor allem im Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, um sie am Computer aufzubereiten und in einem „Geräuscharchiv“ abzuspeichern. Bei der „Untertagemusik“ ruft er mit seinem elektronischen Schlagzeug diese Sounddateien ab. Mit jedem Schlag entlockt er dem Computer ein Geräusch. So komponierte er die „Untertagemusik No. 1.“ und „No. 2“, sowie jetzt die „Untertagemusik No. 3“, die er zum Abschied vom deutschen Steinkohlenbergbau abschloss.

Uraufführung der Performance, die erstmals Komposition und Film live zusammenführte, war Ende November 2018 beim Duisburger Platzhirsch-Festival. Jetzt beim Moers Festival bestätigte sich die einzigartige Qualität dieser Sound- und Bildcollage. Diese ist ein Kunstwerk, dem weitere Aufführungen zu wünschen sind. Wenn auch zehn der 40 Besucher vorzeitig den Saal verließen, weil nicht alle auf Musik aus Geräuschen stehen: Die anderen 30 staunten gebannt über Film und Klang, um zu applaudieren, als diese nach einer Stunde endeten.

Das Alte Landratsamt ist das erste Mal Spielort beim Moers Festival. Dort ließ Festivalleiter Tim Isfort den Filmclub Klappe wiederaufleben, dessen Mitglied er als Jugendlicher vor dreieinhalb Jahrzehnten gewesen war. In der Nacht vom Freitag auf Samstag unterlegte die Flat Earth Society um Peter Vermeersch den satirisch-grotesken Stummfilmklassiker „The Oyster Princess“ („Die Austernprinzessin“ von 1919) von Ernst Lubitsch mit einem eigenen Live-Score. Eine Nacht später war die „Untertagemusik No. 3“ zu sehen und zu hören.

Die „Untertagemusik No.3“ kann man im Netz noch einmal hören: https://www.niehusmann.org/untertagemusik/.

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