Moers Festival startet Eine Entdeckungsreise voller Musik

Moers · Die 51. Ausgabe des Moers Festivals startet am Freitag am Rodelberg im Freizeitpark und in der Festivalhalle am Solimare. Der künstlerische Festivalleiter und sein Team haben ein umfangreiches Programm auf drei Bühnen vorbereitet. Worauf sich Tim Isfort besonders freut.

 Tim Isfort ist seit 2017 künstlerischer Leiter des Moers Festivals. Nach zwei Pandemie-Jahren kehrt das Festival an Pfingsten in die Innenstadt zurück.

Tim Isfort ist seit 2017 künstlerischer Leiter des Moers Festivals. Nach zwei Pandemie-Jahren kehrt das Festival an Pfingsten in die Innenstadt zurück.

Foto: dpa/Bernd Thissen

205 Künstler aus 25 Ländern, drei große Spielorte in der Stadt: Am Pfingstwochenende spielt die Musik in Moers. Im Interview spricht der künstlerische Festivalleiter Tim Isfort über das analoge und digitale Programm, die neu kreierten Konzertreihen und erzählt, worauf er sich an Pfingsten besonders freut.

Herr Isfort, wie viel Programm steckt im Moers Festival 2022, das Sie eigentlich lieber schon in den letzten beiden Pandemie-Jahren realisiert hätten?

Isfort So viel steckt da gar nicht drin. Aber ich freue mich darüber, dass Äthiopien als ein Schwerpunkt des Festivals endlich wahr wird. Es ist unser dritter Versuch. Die Gamo-Singers kommen mit 13 Leuten nach Moers. Es ist toll, dass eine so große Gruppe auftreten kann. Außerdem spielt das Trio Buna. Der Kontakt kam über unsere Stadtmusikerin Tomeka Reid zustande. Oft macht die politische Lage in den Ländern es uns nicht leicht. Pavel Milyakov, der als überzeugter Kriegsgegner zurzeit auf der Flucht ist, weil ihm in seiner Heimat Russland das Gefängnis droht, wollte auf dem Moers Festival eigentlich mit einer ukrainischen Vokalistin auftreten. Sie wird aber nicht zum Festival kommen.

Als im Februar der Krieg in der Ukraine begann, waren Sie noch mitten in der Festivalplanung. Was ging Ihnen durch den Kopf? Waren Sie geschockt?

Isfort Es gibt auf der ganzen Welt Krisen und Kriege. In Myanmar oder im Kongo ist die Situation für die Menschen nicht minder schlimm. Es fühlt sich nur für einen Großteil der Europäer weit weg an. Für uns, die wir zu vielen Musikern aus Krisen- und Kriegsgebieten in Kontakt stehen, ist das leider nichts Neues. Ich bin ich auch um das jüdische Leben in der ganzen Welt in Sorge.

Haben Sie deshalb Israel als einen weiteren Schwerpunkt gewählt?

Isfort Es ist ein ausgewachsener Schwerpunkt geworden. Ich bin ein Kind der 1980er Jahre. Wir haben uns in der Schulzeit mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Und trotzdem fühle ich mich unsicher, wenn ich heute Menschen jüdischen Glaubens treffe. Wir müssen uns die Schwellenängste nehmen. Und das gelingt über das Gespräch, auch wenn viele meinen, dass wir das schon lange besprochen hätten. Auf dem Festival erleben wir eine Talmud-Lesung, sprechen über das jüdische Schawuot-Fest und hören Vorträge über den Kampf gegen den Antisemitismus. Dazu gibt es ein tolles musikalisches Programm: Assif Tsahar kommt mit seinem Quartett nach Moers und ist bei mehreren Projekten wie bei der neuen Reihe @the same time dabei. Maya Dunietz aus Tel Aviv realisiert ein Projekt mit dem Meitar Ensemble und dem Mädchenchor am Essener Dom.

Sie bieten neben der „Annex“, einer von den Musikern selbst organisierten Bühne, ganz neu auch diese Konzertreihe @the same time. Wie funktioniert die eigentlich?

Isfort Einige Konzerte finden gleichzeitig in der Festivalhalle und am Rodelberg statt. Die Künstler hören sich gegenseitig. Das Publikum erlebt hingegen nicht das jeweils andere Konzert. Es sind vollwertige analoge Einzelkonzerte, die wir anschließend in der virtuellen Realität, im moersland, zusammenfügen. Die @the same time-Konzerte sind dann jeweils für den nächsten Tag terminiert. Es ist ein Experiment, das den Festival-Fans einen Mehrwert bieten soll.

Das Moers Festival kann in diesem Jahr fast ohne Beschränkungen stattfinden. Sie setzen weiterhin aber auch auf digitale Angebote wie das „moersland“, warum?

Isfort Die Pandemie hat uns in den letzten beiden Jahren vor die große Herausforderung gestellt, das Moers Festival überhaupt stattfinden zu lassen. Wir möchten die digitalen Formate, die wir angestoßen haben, jetzt erst recht weiterentwickeln und nicht wegwerfen. Außerdem ist die Pandemie noch nicht vorbei, auch wenn manche Politiker sich gern mal versprechen. Die Kulturbranche hat in dieser Zeit zu viele Federn gelassen. Ein Teil ist gar nicht mehr da. Nehmen Sie die Händler: 30 Prozent der Stände gibt es nicht mehr. Das Moers Festival liegt mit Anfang Juni glücklich. Ganz anders sieht es für die Kollegen aus, die jetzt für den Herbst Veranstaltungen planen.

Stellen Sie fest, dass das Publikum noch immer vorsichtig ist? Wie läuft der Ticketvorverkauf?

Isfort Die Leute trauen sich noch nicht richtig. Wir liegen aktuell beim Ticketverkauf deutlich unter dem Niveau von 2019. Ich denke aber, dass wir mit den drei Festivalstandorten (Rodelberg, Gymnasium in den Filder Benden und Festivalhalle am Solimare) ein gutes und sicheres Konzept entwickelt haben. Es kann sehr schön werden. Wir hoffen auf jeden Fall auf viele Besucher, die sagen: Kultur ist uns wichtig. Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre haben übrigens freien Eintritt. Und mit dem Mörzz-Ticket erlebt man Konzerte am Rodelberg und auf der Annex-Bühne, auch wenn man kein Festivalticket hat.

Auf was oder wen freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?

Isfort Ich freue mich auf viele musikalische Entdeckungsreisen. Das Kollektiv „Recursion“ zum Beispiel wurde von jungen Musikern und Klangkünstlern aus Duisburg / Moers ins Leben gerufen. Das ist absolut großartig. Da wächst etwas Neues in Moers heran. Ich freue mich aber natürlich auch auf ein Wiedersehen mit den Horse Lords am Pfingstmontag.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort