Moers: Ein Kapitel Handelsgeschichte schließt

Einzelhandel in Moers : Ein Kapitel Handelsgeschichte schließt

Der persönliche Kontakt zählt bei Monika und Werner Nürnberg. Die Geschäftsleute kennen ihre mehr als 1000 Stammkunden mit Namen. Aus Altersgründen geben sie nach 44 Jahren ihr Geschäft für Elektronikteile auf.

Martin Lehmann weiß noch nicht, wo er in Zukunft Transistoren, Dioden und die „schönen elektronischen Kleinigkeiten“ kaufen soll, wie er sie nennt. „Mir dauert es zu lange, im Internet zu suchen“, sagt der Stammkunde von Nürnberg Electronic Vertrieb. „Auf den Bildern im Internet ist nicht zu sehen, wie groß die Bauteile sind. Wenn du nicht die genaue Bezeichnung kennst, weiß du nicht, was du kauft.“ Deshalb geht der Moerser lieber zum Geschäft für elektronische Bauteile, das neben der Shell-Tankstelle an der Uerdinger Straße liegt – noch. In gut zwei Wochen schließt es nach gut 44 Jahren. „Die Beratung ist einmalig“, erzählt der Bergmann im Vorruhestand. „Du wirst mit Namen angesprochen. Du kannst Bauteile ansehen und einzeln kaufen. Wo gibt es das sonst noch?“ Das Geschäft, das von Werner und Monika Nürnberg im März 1975 eröffnet wurde, spiegelt das Zeitalter der Vorwegwerf-Gesellschaft wider, das zu Ende geht, obwohl es mit Klimaschutzkonzepten, Fridays-For-Future-Bewegungen und Unverpackt-Läden eine Renaissance erleben könnte. Damit schließ ein Kapitel der Handelsgeschichte in der Grafenstadt.

Kondensatoren, Transistoren, Dioden, Halbleiter und Stecker liegen nummeriert, lose und ungesichert in Boxen. So haben Kunden keine Zehner- oder 20-Pakete zu kaufen, von denen sie die meisten Bauteile wegwerfen, wenn sie nur einige einbauen. „Unsere Kunden sind Bastler und die liebsten Menschen“, sagt der gelernte Elektriker Werner Nürnberg und blickt auf 9000 verschiedene Bauteile. „Sie bezahlen, wenn sie Bauteile mitnehmen.“ Das hängt mit dem persönlichen Kontakt zusammen. „Bei allen Stammkunden kenne ich die Namen auswendig“, erzählt die gelernte Kauffrau Monika Nürnberg, die Platinen zusammenbauen kann und bei Stammkunden den Ehrentitel „Elektronikmutter“ trägt. „Es sind mehr als 1000.“ Diese Stammkunden kommen vom Niederrhein und aus dem westlichen Ruhrgebiet, reisen nicht nur aus Moers und Umgebung an, sondern auch aus Oberhausen, Krefeld oder Goch. „Wir haben auch einen Kunden in Kolumbien und einen in Malaysia“, berichtet Monika Nürnberg. „Sie haben den Kontakt gehalten, als sie von Moers weggezogen sind.“

Allerdings ist die Anzahl der Kunden in den letzten Jahren zurückgegangen. Zum einen fielen große Abnehmer weg, wie das Hüttenwerk Rheinhausen, das Bergwerk Rheinpreußen in Moers oder die Bundeswehr in Goch. Zum anderen reduzierte sich die Anzahl der kleinen Kunden. „Heute gibt es weniger Bastler, die noch ein Elektrogerät reparieren oder selbst eine Lautsprecherbox bauen“, analysiert Monika Nürnberg. „Dazu kommt das Internet. Schulen bestellen dort für den Technikunterricht. Früher haben sie hier gekauft.“

Aber das ist nicht der Grund, warum der Nürnberg Electronic Vertrieb zum letzten Mal am 26. Oktober seine Pforten an der Uerdinger Straße 121 öffnet. „Ich mache meinen Beruf mit Herzblut“, sagt Monika Nürnberg. „Aber wir sind jetzt 75 und 73 Jahre alt. Wir schließen aus Altersgründen und haben das Gebäude verkauft.“

Die Stammkunden sind traurig, zum Beispiel Kurt Willutzki. „Ihr laute und klare Begrüßung ist ihr Markenzeichen“, sagt der Pressesprecher der Rheinhausener Funkamateure. „Neukunden waren immer wieder überrascht über ihre große Sachkenntnis. Die Kunden werden ihre freundliche Beratung vermissen.“

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