Moers: Moers: Designer-Mode aus Flüchtlings-Hand

Moers: Moers: Designer-Mode aus Flüchtlings-Hand

In der Boutique "Seconrella" stellt Inhaberin Ruth Braun eine Kollektion edler Einkaufstaschen vor. Syrer haben die Unikate genäht.

/ Neukirchen-Vluyn In seiner Heimatstadt Aleppo betrieb Jaudat Sido eine kleine Textilmanufaktur, die internationale Modelabels belieferte. Gestern hat der gelernte Schneider den Grundstein für einen beruflichen Neuanfang gelegt. Gemeinsam mit seiner syrischen Kollegin Gada Allaham und der Moerser Designerin Ruth Braun stellte er in der Neustraße eine Kollektion bunter Einkaufstaschen vor. "Die Taschen, bei denen es sich allesamt um Unikate handelt, gehören zu unserer ,Hudhud'-Kollektion, die wir im September zum ersten Mal in der Pattberg-Maschinenhalle vorgestellt haben", berichtet die Moerser Designerin und Schneidermeisterin Ruth Braun.

"Hudhud" ist das arabische Wort für "Wiedehopf", ein Vogel mit extravagantem Äußeren. "Hudhud" ist aber auch der Markennamen unter dem die Tuwas-Genossenschaft unter dem Dach des Diakonischen Werks ein Modelabel vertreibt, das komplett von syrischen Flüchtlingen designt und geschneidert worden ist.

Wie Tuwas-Geschäftsführer Rainer Tyrakowski-Freese berichtet, habe man nach der Ankunft syrischer Flüchtlinge rasch gemerkt, dass sich unter ihnen zahlreiche Schneider befanden, was unter anderem damit zusammenhängt, dass Aleppo Zentrum der Textilindustrie in Syrien war. So entstand die Idee, eine Nähschule zu gründen. "Dort können syrische Flüchtlinge ihre Fertigkeiten üben und erweitern. Zugleich werden sie aber auch mit den Gegebenheiten der deutschen Arbeitswelt vertraut gemacht."

Dort arbeiten 20 professionell ausgebildete syrische Schneider. Als Schulleiterin konnte Ruth Braun geworben werden, die selbst im renommierten Moerser Maßatelier Reeker ihr Handwerk erlernt hatte. Sido erhielt dort für die einjährige Dauer des von der evangelischen Kirche im Rheinland unterstützten Projekts eine Festanstellung.

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Der Kontakt von Braun zu den Tuwas-Schneidern kam konkret durch den ehemaligen Theater-Regisseur Konrad Göke zustande, beruhte aber wohl auch auf einer gewissen Seelenverwandtschaft. "Ich war sofort Feuer und Flamme für das Projekt", berichtet Ruth Braun. "Schließlich hatte ich mich schon vorher mit dem Konzept des Upcyclings beschäftigt." Dabei werden Altkleider und -stoffe zu neuen Produkten umgeschneidert. "Als ich zum ersten Mal in die Sammlung der Tuwas-Alttextilien geworfen habe, habe ich sofort gesehen, dass da auch etliche Stücke aus hochwertigem Material dabei waren", berichtet Braun.

So waren einige der mit schicken Knöpfen verzierten Umhängetaschen, die seit gestern für 19,90 Euro über den Ladentisch gehen früher einmal Blusen, Röcke oder Tuchreste. Der Erlös aus dem Verkauf der "Hudhud"-Kollektion zu der auch Kleider und komplette Kostüme zählen, kommt in vollem Umfang der Nähschule zugute. "Kaum ein Projekt hat so viel Zuspruch unter den Spendern gefunden wie dieses", sagt Tyrakowski-Freese. So sei man bestens mit wertvollen alten Nähmaschinen ausgestattet.

Auch unter modebewussten Kunden spricht sich die Qualität des Vintage-Looks aus syrischer Hand herum. Braun: "Gerade habe ich einen Bolero samt passender Tasche an eine Frau verkauft, die die Stücke genau auf ihren türkis-cremefarbenen Oldtimer abgestimmt haben wollte." Braun glaubt, dass die syrischen Schneider in Deutschland Erfolg haben können, wenn sie hier Nischen besetzen. Konrad Göke: "An deutschen Theatern sind Schneider sehr gefragt."

(RP)
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