Moers: Der ehemalige Botschafter Israels sprach beim Kirchenstadtgespräch

Der ehemalige Botschafter Israels sprach beim Stadtkirchengepräch: Avi Primor: Ohne Frieden überleben wir nicht

Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, hat bei seinem Moers-Besuch ein Mammutprogramm absolviert. Nach dem Besuch des Mercator-Berufskollegs war der Vortrag beim Stadtkirchengespräch der Abschluss.

Wie könnte sich Israel zukünftig entwickeln? Wie lassen sich Konflikte lösen und bleibt Israel die unvollendete Demokratie im Nahen Osten? Die Fragestellung „Vom Traumland der Juden zum demokratischen Staat Israel“ lockte Massen in die Moerser Stadtkirche, vor allem weil mit dem Referenten Avi Primor ein Mann der ersten Stunde des Staates Israel aus einem umfangreichen, international geprägten Erfahrungsschatz berichtete.

Unter dem Blickwinkel „unvollendet“ erlebte das Publikum immer wieder neue Blickwinkel und Sichtweisen, die einmal mehr Erklärungen für die Entwicklung in Israel gaben. Ihm sei es eine Pflicht zu sagen, wie sehr Deutschland am Aufbau Israels beteiligt gewesen sei. Er erinnerte an die Templer-Bewegung, an Adenauer, der gemeinsam mit Ben Gurion einen Versöhnungsprozess eingeleitet habe. „Wir wollten damals überleben und brauchten unbedingt Investitionen für unsere Volkswirtschaft“, so der heute 84-Jährige über das dann nachfolgende Wiedergutmachungsabkommen mit Dienstleistungen, Exportgütern und Zahlungen. „Alles aus Deutschland“, so Primor. Über die Handhabung von Maschinen entwickelten sich eine neue Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis. „Ohne einen Frieden mit den Deutschen könnten wir als israelischer Staat nicht überleben“, so Primor.

Er spannte den Bogen von seiner Geburtstagsstadt Tel Aviv mit damals gerade mal 2000 Menschen, die 1939 durch Flüchtlingsströme auf 200 000 anschwoll.

Er berichtete über die Unabhängigkeit Israels 1948, den ersten deutsch-israelischen Beziehungen bis hin zur aktuellen Politik Netanjahus im Zeichen des aktuellen Wahlkampfs. Mit Kritik sparte er nicht, prangerte die Hasspropaganda an. Das eigentliche Problem, der Umgang mit den Palästinensern und die besetzten Gebiete, werde nicht angesprochen. Vielmehr gehe es um Themen wie Korruption und Wirtschaft.

„Viele Menschen glauben daher auch, es gibt keine Lösung. Ein Frieden ist die einzige Möglichkeit“, so Primor, der solch einen Prozess der Annäherung in der gesamten Region für durchaus möglich hält. „Sonst kommen wir nie zur Ruhe.“

Derzeit leben in Israel 6,6 Millionen Juden, 1,8 Millionen Araber, die 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Primor knüpfte an das Ben Gurion-Prinzip an: „Wer an Wunder nicht glaubt, ist kein Realist.“

Im Anschluss stellte er sich offen und interessiert den Fragen des Publikums und bezog souverän Stellung, wie auch in seinem Vortrag zum aktuellen amerikanischen Engagement, das er eher als eine Notwendigkeit in der amerikanischen Außenpolitik einstufte, nachdem Nordkorea gescheitert sei.

Bereits am Vormittag hatte er das Mercator-Berufskolleg besucht und sich den Fragen von Jugendlichen gestellt. Das Stadtkirchengespräch moderierte Pfarrer Martin Behnisch-Wittig.

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