Rheurdt: Mit der Sinnesliege und einem Flashmob buhlt das Dorf um Gold

Rheurdt: Mit der Sinnesliege und einem Flashmob buhlt das Dorf um Gold

Schaephuysen auf dem Prüfstand: Zwei Stunden lang inspizierte gestern die Jury von "Unser Dorf hat Zukunft" eine Gemeinde voller engagierter Bürger.

Kann ein Dorf fiebern? Dann muss es sich so anfühlen: Vor dem Gasthof sitzt eine Herrenrunde in gespannter Erwartung. Am Marktplatz warten andere bei einem schwarzen Zelt mit extra starkem Beamer. Und viele Passanten tragen Tracht. Zwei Stunden lang steht Schaephuysen an diesem Mittwochnachmittag auf dem Prüfstand. Die Jury ist da. Durch den Sieg im Kreiswettbewerb gehört Schaephuysen zu den 44 Teilnehmern des Landeswettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft". Nervös? "Na klar", gibt Rheurdts Vize-Bürgermeisterin Aggi Teilmanns zu. "Ich komme aus Schaephuysen."

Außerdem haben vorherige Generationen vorgelegt. 1975, 1976, 1977 gelang Schaephuysen der Durchmarsch: Drei Mal Gold in drei Jahren bei "Unser Dorf soll schöner werden". Das hat die Messlatte sehr hoch gelegt. Zumal die moderne Ausgabe des Gemeinde-Wettstreits anspruchsvoll geworden ist. Längst reicht es nicht mehr, die Rasenkanten mit der Nagelschere zu trimmen und eine Geranien-Farbexplosion zu inszenieren. Die Bewertungskommission will Entwicklungskonzepte sehen. Wie bewahren die Kommunen ihren Charakter? Und wie klappt der Anschluss an die Moderne?

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Da hat Ralf Thier, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Schaephuysener Bürger und Vereine, eine Menge zu erzählen. 2015 waberte ätzender Frust durch den Ort: Die Sparkasse schloss ihre Filiale, wenig später die Volksbank. Und die Schule verließ das Örtchen in Richtung Rheurdt. Doch anstatt den Kopf in den Sand der eiszeitlichen Endmoräne zu stecken, zogen sich die Schaephuysener am eigenen Schopf aus dem Tal der Tränen. "Wir wollen hier das Gute bewahren und gleichzeitig offen sein für das Neue", sagt Mario Gürtner, Chef des Vereins für Gartenkultur und Heimatpflege.

Die Bewertungskommission schritt und fuhr gestern durch Straßen, an deren Rändern Glasfaserkabel verlegt werden. Sie sah die Mitfahrerbank als pragmatisches Angebot für Mobilität auf dem Land. Zu Beginn gab es Luftbilder eines Drohnenflugs über Schaephuysen. Und im schwarzen Zelt zeigte ein Projektteam einen Film vom Schützenfest - aber auch vom Open-Air-Festival "Heimspiel". Der eigene Lebensmittelladen, das Gewerbegebiet, drei florierende Dorfkneipen waren Beispiele einer heilen Infrastruktur. Die Natur gleich um die Ecke, der Fernblick vom 80 Meter hoch gelegenen St. Michaelsturm weckten Heimatgefühle. Am Ende inszenierten Jugendliche spontan einen Flashmob zur Verabschiedung der Jury. Die Wertungsrichter ließen sich nicht in die Karten gucken. Am Sonntag, 9. September, gibt es die Ergebnisse.

(RP)
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