Moers: Mit Abwasser Tomaten wachsen lassen

Moers : Mit Abwasser Tomaten wachsen lassen

Seit Montag ist die Modellanlage offiziell in Betrieb gegangen, die Elemente konventioneller Kläranlagen neu verbindet und die Wasserwirtschaft in Trockengebiete revolutionieren könnte.

"Spitzkohl, Dill und Tomaten wachsen einfach super", sagt Janine Dimske und freut sich. Die Biologin schaut nach den Pflanzen, die im Gewächshaus auf dem Gelände der Kläranlage Moers-Gerdt stehen. Diese Pflanzen erhalten kein sauberes Wasser, sondern "dreckiges". "Es ist doch verrückt", sagt Dr. Henry Riße, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, der die Idee zu der Modellanlage hatte, von der das Gewächshaus ein Teil ist. "Wir holen erst Stickstoff und Phosphor aus dem Abwasser, um später Felder mit Stickstoff- und Phosphor-Verbindungen zu düngen." In der Modellanlage, die seit Montag offiziell in Betrieb ist, binden Pflanzen diese Stoffe.

Das ist nicht neu und funktioniert seit Jahrzehnten bei Kleinkläranlage, die über Schilf das Abwasser reinigen. Das Projekt "AWAREGIO", bei dem die Abkürzung für Abwasser-Reinigungsverfahren für Unternehmen im regionalen Verbund steht, geht das aber über diese Pflanzenkläranlagen hinaus, die nur eine geringe Leistungsfähigkeit haben. Es kombiniert bekannte Techniken der Abwasserreinigung und Frischwasseraufbereitung in ganz neuer Form. Ziel ist es, aus Abwasser ein keimfreies Wasser herzustellen, das keine Trinkwasserqualität haben muss, aber beispielsweise zum Bewässern von Pflanzen oder Füllen von Fischteichen geeignet ist, weil es viele Nährstoffe enthält.

"Durch den Klimawandel haben sich die Niederschläge verändert", berichtet Harald Heetjens, der als Fachbereichsleiter Chemie bei der Linkniederrheinischen Entwässerungsgenossenschaft Wasserproben in der "AWAREGIO"-Modellanlage in Moers-Gerdt zieht und analysiert. "Wenn in Bangladesch ein schwerer Monsun vom Himmel fällt, steht das Wasser einen halben Meter in den Straßen. Danach regnet es manchmal ein halbes Jahr nicht. Das ist auch ein Problem in Ländern in Nordafrika oder im Nahen Osten."

Auf diese Länder, in denen es an manchen Ort außer Abwasser manchmal kein kühles Nass gibt, zielt das Projekt. Dabei wird in der "AWAREGIO"-Modellanlage das gesamte Abwasser unter Sauerstoffausschluss anaerob vergoren, nicht wie bei normalen Kläranlage nur der Schlamm. Dabei entsteht Biogas. Dann läuft das Abwasser, fünf Kubikmeter pro Tag, also in Mitteleuropa die Menge von 40 Personen, durch eine Schilfklärstufe, um anschließend durch Ultrafiltration und Bestrahlung mit ultraviolettem Licht keimfrei zu werden.

"Das ist aufwendiger als bei einer normalen deutschen Kläranlage", sagt Julius Kieseler, der als Student der RWTH und LINEG-Mitarbeiter an der Modellanlage arbeitet. "Aber man kann anschließend mit dem Wasser Bewässern."

Eineinhalb Jahre läuft das "AWAREGIO-Projekt", das die Wasserwirtschaft in Trockengebieten revolutionieren könnte, wenn es in der Testphase gute Ergebnisse liefert, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit zwei Millionen Euro gefördert wird. Parallel dazu läuft ein anderes Abwasserprojekt an der Technischen Hochschule in Braunschweig, das ebenfalls vom Bundesforschungsministerium finanziert wird. Das Ministerium entscheidet voraussichtlich Anfang 2020, ob sie das Braunschweiger oder das Aachener Modell unterstützt und eine größere Probeanlage in einem Land mit langen Trockenphasen bauen lässt. Auch Kombinationen von beiden Modellen sind denkbar.

(got)
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