Medipee in Moers digitalisiert das stille Örtchen

Silicon Moers : Medipee digitalisiert das stille Örtchen

Das Moerser Start-Up entwickelt ein Selbstdiagnosegerät für Urintests. Ab 2020 soll die spezielle Toilette auf den Markt kommen.

„Durch das Urinieren bildet sich in Toiletten ein Rieselfilm“, beschreibt Paul Bandi physikalisch, was auf einem WC passiert. Der 43-jährige Diplom-Ingenieur spricht völlig ungeniert und sachlich über Toiletten und das Urinlassen. Dabei haben viele Menschen Hemmungen, über das Thema zu reden. Bandi hat an der Technischen Hochschule in Aachen an dem Thema geforscht, wie sich Flüssigkeiten als dünne Rieselfilme verhalten und wie diese analysiert werden können. Jetzt wendet er diese Technik in Toiletten an.

Firmengründer Thomas Brokopp (l.) und Paul Bandi (2.v.l.) tüffteln mit den Mitarbeitern Frank Willems (r.)  Jan Haan (2.v.r.) und Dmitri Sokolov (3.v.l.). Foto: kdi. Foto: Dieker, Klaus (kdi)

Er entwickelt im Moerser Start-Up Medipee ein Selbstdiagnosegerät, das innerhalb der Toilette beispielsweise den Glukosegehalt, den PH-Wert oder die Eiweißwerte im Urin misst, um sie dann auf ein Smartphone oder an einen Computer zu übermitteln. Die Idee, ein solches Gerät zu bauen, hatte Thomas Prokopp, der dazu mit Paul Bandi und Frank Willems das Unternehmen Medipee gründete.

„Jeder kennt Urinproben“, berichtet der 40-jährige technische Betriebswirt. „Sie sind meist unangenehm, besonders für Frauen. Proben werden häufig verschüttet, die Analyse ist sehr fehleranfällig und alles muss auch wieder entsorgt werden. Tendenziell könnten Urinproben viel häufiger durchgeführt werden, da sich aus dem Urin viele Schlüsse über den Gesundheitszustand des Körpers ziehen lassen.“

Selbst erlebte er es bei einer nahen Verwandten, die durch regelmäßige Urinprophylaxe eine größere Operation hätte vermeiden können. Es wurde ein Nierenleiden operiert. „Der behandelnde Arzt meinte damals lapidar, dass sich das durch regelmäßige Urinüberwachung hätte vermeiden lassen“, berichtet er. „Problem ist, dass die meisten erst zum Arzt gehen, wenn es richtig weh tut. Dann ist das Kind oft schon in den Brunnen gefallen.“

So überlegte er, wie Urinwerte leichter gemessen werden könnten, etwa der Eiweißwert, aus dem Rückschlüsse auf die Nierenfunktion möglich sind. Diese wollte er digital ermitteln. Er, der in Bonn lebt, wandte sich an das Gründerzentrum der RWTH Aachen. Dieses Gründerzentrum bietet eine Plattform, auf der sich Gründer miteinander vernetzen können.

So kam es zu einem ersten Treffen zwischen ihm und Paul Bandi. „Wir haben in Aachen im Café Kittel zusammengesessen“, erzählt Thomas Prokopp. „Das liegt in der Nähe vom Dom. Ich habe ihm von meiner Idee erzählt. Er ist direkt angesprungen.“ Die Wellenlänge zwischen dem gebürtigen Franken und dem gebürtigen Kärntner stimmte sofort. Über das Gründerzentrum kamen sie mit dem Frank Willems aus Moers zusammen, der wie in der Vox-Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ ein Mensch ist, der als „Business Angel“ Erfinder berät und sie unterstützt. So gründeten die Drei Anfang 2017 in der Grafenstadt das Start-Up Medipee GmbH, um das stille Örtchen als einen der letzten Orte zu digitalisieren. Die Medipee entwickelt ein Urinmessgerät und setzt mit insgesamt sieben Mitarbeitern am Eurotec-Ring die Idee zu einem fertigen Produkt um. Dabei würde sie gerne mehr gute Entwickler einstellen, die aber nicht leicht zu finden sind.

In einem zweiten Schritt will Medipee die Geräte von Partnerunternehmen herstellen lassen. Der Marktstart ist für 2020 geplant. „Der Markt ist da“, sagt Business Angel Frank Willems. „Es gibt sehr viele Gruppen, die Interesse an den Urinwerten haben, beispielsweise im Sport, bei Kinderwunsch, bei Nierenleiden oder Diabetes, im Pflegebereich oder einfach nur um sich selbst ein besseres Gefühl zu geben. Die Werte schwanken tendenziell ein wenig. Wenn sie kontinuierlich gemessen werden, lassen sich viel leichter Schlüsse daraus ziehen.“

Der Urinmesser wird ein etwa faustgroßes Messgerät sein, das ähnlich wie ein Duftstein an den oberen Rand der Toilette angebracht wird. Im Gegensatz zu dem Duftstein befindet sich der Hauptteil des Gerätes jedoch außerhalb der Toilette. Sobald das Gerät Urinfluss detektiert und der Benutzer eine Analyse wünscht, erfolgt die automatische Messung innerhalb weniger Sekunden. Die anschließende Ausgabe der Messdaten erfolgt auf ein digitales Endgerät, etwas ein Smartphone oder ein Tablet. Über ein integriertes Magazinsystem lassen sich Messpatronen mit den gewünschten Analysen laden, ähnlich wie bei einem Drucker. Pro Patrone sind rund 30 Tests möglich. Die Analysen reichen von Urintestwerten wie Blut, Keton für Ernährungsbewusste, Harnwegsinfekten, pH-Wert, Schwangerschaft, Ovulation bei Kinderwunsch bis hin zu speziellen Markern, wie Drogen.

Die Medipee GmbH rechnet mit einem Preis unter 300 Euro für den privaten Urinmesser. Sie arbeitet zurzeit daran, eine Zulassung von Krankenkassen zu bekommen, damit diese die Kosten übernehmen.

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