Moers Ein kurzes Jahr als Lehrerin in Nicaragua

Moers · Nach dem Abitur am Grafschafter Gymnasium ging Maresa Otten als deutsch- und Englischlehrerin nach Übersee. Wegen politischer Unruhen endete ihr Freiwilligendienst aber schneller als geplant.

 Maresa Otten im Kreis ihrer Gastfamilie (oben) und (rechts) mit einigen zum Spaß aufgelegten Schülern der Escuela Montessori Jan Amos Comenius in Nueva Guinea, Nicaragua.

Maresa Otten im Kreis ihrer Gastfamilie (oben) und (rechts) mit einigen zum Spaß aufgelegten Schülern der Escuela Montessori Jan Amos Comenius in Nueva Guinea, Nicaragua.

Foto: Maresa Otten

Studieren, eine Ausbildung beginnen oder für ein Jahr als Au-Pair nach Australien gehen. Das sind wahrscheinlich die gängigsten Optionen, zu denen sich Schülerinnen und Schüler jährlich nach dem Abitur entscheiden. Maresa Otten entschied sich, nach ihrem Abitur für einen anderen Weg. Sie verließ Deutschland, um ein Jahr lang einen Freiwilligendienst in Nicaragua zu absolvieren.

Maresa Otten, ehemalige Schülerin des Grafschafter Gymnasiums Moers, träumte schon seit sie zwölf Jahre alt war, davon, einen Freiwilligendienst im Ausland zu absolvieren. Als Ziele schwebten ihr Bolivien und Kolumbien im Kopf herum, doch nach einem Seminar der Organisation „Weltwärts“ entschied sich Maresa Otten um: „In diesem Seminar wurde so begeistert von Nicaragua erzählt, dass ich am liebsten nach Nicaragua wollte.“ „Weltwärts“ ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundes-Entwicklungsministeriums und hat mehr als 150 Partnerorganisationen, die in den verschiedensten Ländern der Welt aktiv sind.

Maresa fuhr nach Nueva Guinea, eine Kleinstadt im Süden Nicaraguas, um dort an einer Schule, der Escuela Montessori Jan Amos Comenius, als Lehrerin zu arbeiten. „Ich hatte selbst keine Erwartungen, weil diese wahrscheinlich nicht erfüllt werden. Ich habe es einfach auf mich zukommen lassen“, erinnert sich Maresa Otten zurück. Ein Partnerverein von „Weltwärts“ in Nicaragua half Maresa Otten, sich einzuleben. Obwohl Maresa am Grafschafter Gymnasium Spanisch hatte, konnte sie sich anfangs schwer mit den Einheimischen verständigen. „In Nicaragua wird ein anderes Spanisch gesprochen als bei uns in der Schule.“ Im Verlauf des Aufenthaltes wurde die Sprache ein immer kleineres Problem.

Der Dienst als Lehrerin begann für Maresa schneller als gedacht. Wenige Monate zuvor noch selber auf der Schulbank, musste sie schon am ersten Wochenende ihre erste eigene Unterrichtsstunde für die Fächer Deutsch und Englisch vorbereiten. „Ich habe es mir leichter vorgestellt, als es war, da ich auf einmal selber im Unterricht stand und Verantwortung übernehmen musste“, sagt Maresa, die sowohl Schüler der zweiten und dritten Klasse als auch der Abschlussklasse elf unterrichtete. „Meine Schule war eine von nur zwei in Nicaragua, an der die Kinder Deutsch lernen.“

Wenn Maresa nicht als Lehrerin im Einsatz war, nutzte sie die Zeit, um Nicaragua zu entdecken. Besonders in Erinnerung blieb ihr ihre erste Busfahrt durch das Land, das nach Haiti als das zweitärmste Lateinamerikas gilt. Als sie abends an einer Haltestelle auf den nächsten Bus wartete, kam eine Polizeistreife vorbei und bot ihr an, sie mitzunehmen. Die Polizisten waren anscheinend besorgt, weil es dunkel war und in der Nähe lautstark gefeiert wurde. „Das war eine komische Situation“ resümiert Maresa, die das Angebot annahm.

Untergebracht war Maresa in einer Gastfamilie. „Meine Gastfamilie hatte ein Haus mit vier kleinen Zimmern, in denen sechs bis zehn Leute gewohnt haben. Es war eine Umstellung, aber uns wurde schon im Vorfeld gesagt, dass wir unsere Ansprüche zurückschrauben müssen“, sagt Maresa, die die Situation auch als „irgendwie schön“ empfand.

Finanziert wurde ihr Freiwilligendienst größtenteils vom Entwicklungsministerium. Um die restlichen Kosten aufbringen zu können, verkaufte Maresa Wassermelonen, veröffentlichte Artikel in deutschen Lokalzeitungen und baute sich so einen Unterstützerkreis auf. „Insgesamt werden die Kosten für ein Jahr Freiwilligendienst in Nicaragua auf 10.000 bis zu 12.000 Euro geschätzt.“

Die ursprünglich angedachten 13 Monate konnte Maresa in Nicaragua nicht bleiben. Im Mai, nach neun Monaten, mussten alle Teilnehmer des Freiwilligendienstes Nicaragua auf Anweisung des Auswärtigen Amtes verlassen. Die politischen Unruhen, die sich gegen eine geplante Reform des Sozial- und Rentensystems wendeten, erreichten nach einiger Zeit auch die Gegend, an der Maresa Otten unterrichtete. „Es wurden Steine geschmissen, Mülltonnen angezündet, und es gab Schlägereien auf offener Straße“, erinnert sich Maresa. „Es war schon ein komisches Gefühl, aber wir waren als Ausländer nicht in Gefahr, da es sich um ein innenpolitisches Thema gehandelt hat“, ist sie überzeugt. Trotzdem findet sie, dass die Anweisung des Auswärtigen Amtes aufgrund der unübersichtlichen Lage richtig gewesen ist.

Der Abschied von ihrer Gastfamilie und neuen Freunden fiel ihr schwer. „Wir wollten nicht gehen, wir wurden aus der Situation einfach herausgerissen“, beschreibt sie die Situation. „Der Abschied war mit viel Herzschmerz verbunden, da wir so schnell das Land verlassen mussten.“ Nur drei Tage blieben ihr, um sich zu verabschieden und das Land zu verlassen. Noch heute tauschen sich die Gastfamilie und Maresa über WhatsApp und Facebook regelmäß aus.

Ihre Erfahrungen aus dem Freiwilligendienst gab Maresa Otten vor kurzem an die Schülerinnen und Schüler des Grafschafter Gymnasiums weiter, an dem sie im vergangenen Jahr erfolgreich ihr Abitur bestanden hat. „Ich habe einen Vortrag darüber gehalten, weil es so etwas in meinem Jahrgang nicht gegeben hat. Von den Schülern der zehnten und elften Jahrgangsstufe wurde das Angebot mit großem Interesse abgenommen.“

Maresa Otto arbeitete in Nicaragua.
Foto: Maresa Otten

„Ich habe in Nicaragua gelernt, dass man immer irgendwo ankommt. Es gibt immer eine Lösung, um die Probleme zu meistern“, blickt Maresa Otten zurück. Außerdem konnte sie sich ein Stück weit in die Menschen hinein versetzen, die vor Krieg und Verfolgung aus ihren Heimatländern fliehen müssen. „Ich musste mich in einem fremden Land integrieren, was mir teilweise schwer fiel. Ich habe das freiwillig gemacht, andere müssen das machen, weil sie auf der Flucht sind. Integration ist super schwer.“ Der Frage, wie man Menschen verschiedener Kulturen zusammenbringen kann, möchte die 19-Jährige künftig beruflich weiter nachgehen: Sie will Ethnologie und Religionswissenschaften studieren.

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