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Moers: Literaturpreis: Hund, Beerdigung, Krieg

Moers : Literaturpreis: Hund, Beerdigung, Krieg

Die Jury der Moerser Gesellschaft zur Förderung des literarischen Lebens beweist bei der Preisverleihung Mut zur Vielfalt. Eine auflagenstarke "niederrheinische Tageszeitung" spielt in einem Fall eine dreifache Rolle.

Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die so bizarr sind, das jeder Autor, der versucht, sie niederzuschreiben, Gefahr läuft, für unglaubwürdig erklärt zu werden. Nehmen wir einmal die gestrige Verleihung des Literaturpreises der Moerser Gesellschaft zur Förderung des literarischen Lebens.

Sebastian Polmans aus Niederkrüchten gewann den ersten Preis. Foto: Dieker, Klaus (kdi)

Da erhält zum Beispiel Annette Feldmann (39) den mit 750 Euro dotierten dritten Preis der Rheinischen Post. Die in Wesel geboren und in Kempen lebende Autorin ist ehemalige Volontärin der Rheinischen Post. In Ihrer Kurzgeschichte "Der Querschläger", einer Variation auf das Thema der diesjährigen Ausschreibung "Suchen und Finden", verbindet sie Zeitzeugenberichte aus dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer eigenen Vita. Sie beschreibt darin in satirischer Form ihre Erlebnisse in der Redaktion einer auflagenstarken niederrheinischen Tageszeitung, die wohl nicht zufällig an die Rheinische Post erinnert. Und ausgerechnet der Moerser Lokalchef dieser Zeitung überreicht der Autorin den Preis der Rheinischen Post. Das soll Zufall sein?

>>> Zum Text von Annette Feldmann geht es hier <<<

Barbara Steuten erhielt als Zweite tausend Euro von der "Moerser Gesellschaft". Foto: Dieker, Klaus (kdi)

Ist es aber, bestätigt Marie-Luise Hülsberg vom Vorstand der Moerser Gesellschaft. Denn die Jury-Mitglieder bekamen auch in diesem Jahr sämtliche der mehr als 60 eingereichten Texte anonym vorgelegt. Am Ende eines langen Diskussionsprozesses einigen sich die Mitglieder auf die drei Siegertexte, ohne Namen, Alter oder Geschlecht der Ausgezeichneten zu kennen.

Dabei hatten sie in der Vergangenheit immer wieder ein sicheres Händchen. Guido Lohmann, Vorstandsvorsitzender der Volksbank am Niederrhein, die diese Veranstaltung ins Leben gerufen hatte, erinnert in seiner Begrüßungsansprache daran, dass von den 48 Preisträgern, die bei den vergangenen 17 Verleihungen gekürt worden seien, immerhin 15 einen Verlag gefunden hätten.

Das war bei Sebastian Polmans bereits der Fall, ehe er seinen Text bei der Moerser Jury einreichte. Der 32-Jährige aus Niederkrüchten hat bereits einen Roman bei Suhrkamp ("Junge") veröffentlich und für seine Kurzprosa mehrere Preise bekommen. Wie in seinem Roman, der im deutsch-niederländischen Grenzgebiet spielt, verarbeitet Polmans in "Janusz" Grenzerfahrungen. Ort der Handlung, die in einer eiskalten Nacht spielt, ist die deutsch-polnische Grenze an der Oder. Dort erlebt der Ich-Erzähler als Zollbeamter in der Nach-Schengen-Zeit den absurd-lebensgefährlichen Versuch eines illegalen Grenzübertritts. Zeuge des Geschehens ist Janusz, ein deutscher Schäferhund aus polnischer Zucht. Polmans Text ist der sprachgewaltigste, atmosphärisch dichteste Text der drei Beiträge. Er schließt mit dem lakonischen Satz: "Aus dem Dickicht fliegen ein paar Tauben auf, und ich beschließe zu kündigen." >>> Den Text von Sebastian Polmans finden Sie hier <<<

Bei Annette Feldmanns Vortrag wurde am meisten gelacht: Rang drei. Foto: Dieker, Klaus (kdi)

Ebenfalls mit zahlreichen Veröffentlichungen hervorgetreten ist die Kaarsterin Barbara Steuten (45). Die Trägerin des Leverkusener Short-Story-Sonderpreises mutet den Zuhörern in "Flugbahn" eine Achterbahnfahrt zwischen Tragik und absurder Komik zu. Ihre Schilderung einer Frau mittleren Alters, die gerade ihren Ehemann verloren hat und nun versucht, die Beerdigung des Vaters ihrer Kinder zu überstehen, hat mit dem Feldmann-Text einen niederrheinisch-melancholischen Grundton gemeinsam. Anders als bei Feldmann, die ihre Erzählung mit einem hoffnungsvollen Neubeginn enden lässt, klingt bei Steuten Verbitterung durch.

>>> Zu Barbara Steutens Geschichte geht es hier <<<

Siegmund Ehrmann, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien des deutschen Bundestages, hielt die Festrede im Martinsstift. Bürgermeister Christoph Fleischhauer begrüßte mehr als 100 Gäste.

(RP)