Neukirchen-Vluyn: Lineg zeigte Fotos von Kai Wiesinger

Neukirchen-Vluyn : Lineg zeigte Fotos von Kai Wiesinger

Zwei Tage wurde die Lineg-Vorflutpumpanlage Leyenburg Kunstraum für die Arbeiten von Kai Wiesinger. Er fotografiert menschliche Körper in Bewegung und Geschwindigkeit.

Dass sich die Vorflutpumpanlage Leyenburg vor Neufeld zu einem Kunstort mit besonderem Charme entpuppte, erlebten die Besucher am Wochenende. Die Lineg schuf diesen Kunstraum im Rahmen ihres 100-jährigen Jubiläums mit dem Galeristen Andreas Verfürth. In den Mittelpunkt rückte er ein Doppeltalent, den Künstler und Schauspieler Kai Wiesinger.

Creep nennt der 47-Jährige seine Ausstellung, in der er übergroße Fotoarbeiten zeigt. Sie tragen Titel wie Tractus, Substania, Magna oder Hemisphäre. Seit Kindertagen fotografiert er. Das, was ihn in der Fotografie antreibt, formuliert er so. Nicht zeigen, "was ich gesehen habe, sondern was ich empfunden habe". Die fließenden Bewegungen von Menschen hält er fest. Von Drehungen, Zerrgestalten und den Zeitdehnungen spricht Wiesinger. Aufnahmen mit langen Belichtungszeiten und ohne Bildbearbeitung sind seine Kennzeichen. Die Bewegung, das Fließende wiederum eint Bilder und Ausstellungsraum, die Lineg-Vorflutpumpanlage.

Das Spannende dieser zweitägigen Ausstellung dürfte ohne Zweifel die Anwesenheit von Wiesinger gewesen sein. Der kam buchstäblich zur Ausstellungseröffnung eingeflogen. Hamburg ist momentan sein Drehort. Am Montag beginnen die Arbeiten zu seinem neuen Film "Der Rücktritt", einem Dokudrama, in dem er die Rolle des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff spielt. Von einer knappen Planungsphase spricht daher Galerist Andreas Verfürth, der gemeinsam mit der Düsseldorfer Galerie Breckner diese Ausstellung managte. Gewisse Spannung ist spürbar, als Wiesinger dann erscheint, um über Stunden seine Bilder im Kreise von Kunst- und Fotointeressierten zu erörtern. Schon bei seiner Ankunft verrät er: "Ich bin neugierig auf den Ort." Nach einer kurzen Runde folgt ein anerkennendes "großartig".

Klar, dass er auch immer wieder als der Schauspieler angesprochen, von dem man ein Autogramm oder ein Erinnerungsfoto haben möchte. Geduldig geht er auf alle diese Wünsche ein.

Wenn es bis in den Nachmittag um seine künstlerische Motivation geht, erläutert er seinen emotionalen Zugriff zur Welt. Er will nicht porträtieren. Viel Zeit verbringt er damit, Menschen in Bewegung festzuhalten. "Ich versuche die Kamera zu nutzen, um das Gehirn auszutricksen. Das Gehirn errechnet, was die Wahrheit sein kann und bietet uns ein fertiges Konzept." Von der Konsistenz der Wahrnehmung spricht er. "Ist ein Menschen ein Menschen, weil wir ihn so wahrnehmen?", fragt er. Die Fotografie ist für ihn nicht mehr bloß Abbild der Gegenwart. "Aber das ist vielleicht auch schon wieder zu philosophisch", meint er. Sein künstlerisches Anliegen wiederum ist charakteristisch. Die Betrachtung soll beim Betrachter bewirken, Dinge anders zu sehen. Dass die Ausstellung nur zwei Tage dauert, ist der Tatsache geschuldet, dass heute der normale Werksbetrieb der Vorflutpumpanlage läuft.

(sabi)
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