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Kriminelle Jugendbande in Moers: Wie aus Kindern Intensivtäter werden

Kriminelle Jugendbande in Moers : Wie aus Kindern Intensivtäter werden

Eine Jugendbande machte monatelang die Stadt unsicher. Polizei und Jugendamt erklären, wie es dazu kommen konnte.

Sie klauten in Läden, schlugen sich, rauchten Drogen, hingen bis spät in den Abend in City und Park rum und belästigten Passanten und Anwohner: Minderjährige im Alter von 13 bis 17 Jahren haben monatelang die Moerser Innenstadt unsicher gemacht, dabei kaum Konsequenzen spüren müssen. Wie unsere Redaktion herausfand, gehörten sie alle zu einer knapp 30-köpfigen Jugendbande von Intensivtätern. Eines der Mitglieder hat knapp 60 Einträge in seiner Polizeiakte vorzuweisen. Nachdem es Polizei, Jugendamt und Staatsanwaltschaft in einer in Moers bislang einmaligen Zusammenarbeit geschafft haben, die Bande zu sprengen, stellen sich Fragen. Wie konnte es dazu kommen? Wie gehen die Behörden mit jungen Intensivtätern um? Was wird nun aus ihnen?

„Nach unseren Erkenntnissen gab es eine Kerntruppe von einigen, wenigen Leuten“, sagt Wilfried Karden, Leiter des Moerser Kriminalkommissariats. „Der Rest ist dann als Mitläufer dazu gekommen.“ Das decke sich auch mit den Resultaten der Polizeiarbeit: Heute seien noch drei Jungen und zwei Mädchen übrig, die weiterhin regelmäßig auffällig würden. Sie hätten, so Karden, ein „Schneeballeffekt“ ausgelöst, immer mehr hätten mitmachen wollen. Vera Breuer, Leiterin des Jugendamts, sagt: „Bei so einer Clique ist es normal, dass dann auch andere dazu gehören wollen. Mädchen spielen dabei übrigens eine wahnsinnig große Rolle. Die Jungs wollen denen gefallen und machen dafür dann alles.“ Dazu zählt offenbar auch, Straftaten zu begehen. „Das war ein Phänomen. Da wollten alle bei dieser Gang mitmachen“, sagt Karden.

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Bis auf die Heranwachsenden gerichtliche Konsequenzen folgen, dauert es oft viele Monate. „Wenn die Jugendlichen merken, dass sie Scheiße bauen können, aber es passiert ihnen lange nichts, dann machen sie weiter“, erklärt Breuer. Durch die Gruppendynamik werde der ganze Vorgang noch verstärkt – ein Teufelskreis. Zumal es sich bei den Vergehen nicht um Kavaliersdelikte gehandelt habe: „Die Testen ihre Grenzen aus, gerade in einer Clique. Was die Jugendlichen da gemacht haben, waren ja erhebliche Delikte.“ Insbesondere Körperverletzung und Diebstahl sei massiv vorgekommen, bei vielen der Beteiligten hätte es binnen eines halben Jahres 30 oder mehr Auffälligkeiten gegeben. In der Schule hätten die Beteiligten ihre Mitschüler oft massiv gemobbt – ebenfalls ohne Konsequenzen. „Die haben auch Mitschüler abgezogen, die sich dann nicht getraut haben, etwas zu sagen“, meint Karden.

Für Polizei, Jugendamt und Justiz war bei einem gemeinsam ins Leben gerufenen „runden Tisch“ im November klar, dass sie gemeinsam handeln müssen. „Wir als Jugendamt versuchen immer, mit den Menschen zu reden, in die Familien zu gehen. Mehr dürfen wir ja auch gar nicht machen“, sagt Breuer. „Hier hat aber keine Kuschelpädagogik mehr geholfen, hier brauchte es Härte.“ So lag es an der Polizei, die Jugendlichen zu vielen Einzelgesprächen, immer in Begleitung der oft aus allen Wolken fallenden Eltern, auf die Wache zu holen oder zu ihnen nach Hause zu kommen. „Wir haben den Jungs und Mädchen mit sehr deutlichem Ton klargemacht, dass es so nicht weitergehen kann und ihnen auch aufgezeigt, wie ihr Leben laufen kann, wenn sie auf der schiefen Bahn bleiben“, sagt Karden. „ Gerade die Eltern waren oft völlig konsterniert.“

Nun habe er bei den meisten Jugendlichen die berechtigte Hoffnung, dass sie die Kurve gekriegt haben. „Ich glaube, dass bei ihnen ein Denken eingesetzt hat. Jedenfalls haben wir von den meisten in den vergangenen Monaten überhaupt nichts mehr gehört.“ Auch Breuer glaubt: „Das sind ja alles keine von Grund auf bösen Menschen, sondern junge Leute, die Orientierung brauchen.“

Strafen vor Gericht müssen die (ehemaligen) Intensivtäter aber trotzdem befürchten. „Es ist in solchen Fällen möglich, dass die Jugendlichen zunächst ermahnt werden“, sagt der Kommissar. Kommt es zu weiteren Fällen oder sind die Delikte zu gravierend, könne etwa über Sozialstunden nachgedacht werden. „Wenn alles nicht mehr hilft, gibt es als letzte Option den Jugendarrest“, sagt Karden.