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Kriminalität im Kreis Wesel Weniger Straftaten durch Corona

Kriminalität im Kreis Wesel : Weniger Straftaten durch Corona

Die Zahl der Einbrüche ging gewaltig zurück, ebenso wie die der Fahrrad- und Taschendiebstähle. Die Corona-Krise hat offenbar auch den Bereich der Kriminalität erschüttert. Die Statistik für das Kreisgebiet ist aber erklärungsbedürftig.

Am deutlichsten zeigt sich die Auswirkung der Pandemie beim Fahrraddiebstahl. Im März 2019 wurden noch 107 Fälle im Kreis Wesel registriert. Im März 2020 waren es 123 Fälle, also sogar noch ein paar mehr. Aber dann: Im April 2019 wurden 165 Fälle aktenkundig, und in diesem Jahr: 65. Glatt 100 weniger. Im Mai 2019 waren es 142 Fahrraddiebstähle, und in diesem Jahr: 84. „Da kann man ganz deutlich sehen, dass die Leute weniger draußen unterwegs waren“, sagt Timm Wandel, Sprecher der Polizei im Kreis Wesel.

Die Region ist praktisch beispielhaft für Entwicklungen in ganz Nordrhein-Westfalen. Nach vorläufigen Zahlen des Innenministeriums ist die Kriminalität im Land im Zuge der Corona-Krise zwischen Anfang März und Ende Juni um insgesamt 23 Prozent gesunken. Es wurden also fast ein Viertel weniger Taten registriert, es gab deutlich weniger Anzeigen – viel weniger Raubüberfälle, Wohnungseinbrüche, Taschendiebstähle.

Für den Kreis Wesel lassen sich die Zahlen von März, April und Mai 2019 und des gleichen Zeitraums in 2020 vergleichen. Sie sind allerdings, was ihre Aussagekraft über die Tatzeitpunkte der Delikte betrifft, „mit etwas Vorsicht zu genießen“, erklärt Polizeisprecher Timm Wandel. Es sind nämlich Werte einer „Ausgangsstatistik“. Das heißt: Die Delikte werden darin nicht erfasst, wenn sie zur Anzeige kommen, sondern dann, wenn die jeweiligen Vorgänge polizeilich abgeschlossen sind. „Die Zahlen von beispielsweise Einbrüchen von März sind also von Taten, die vielleicht im Februar stattgefunden haben“, erläutert Wandel.

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Die tatsächlichen Trends werden demnach in dieser Statistik mit zeitlicher Verzögerung erfasst. Wohnungseinbrüche sind ein gutes Beispiel: Im Jahr 2019 landeten im März 82 Einbrüche in der Statistik des Kreises, im Jahr 2020 waren es 103. Es wären demnach also mit dem Start der Corona-Krise erstmal nicht weniger geworden, sondern sogar mehr. Und im April kommt die Statistik im Jahr 2019 auf 88, in diesem Jahr auf 81 – ein gleichbleibendes Niveau.

Das ist in der Tat kaum vorstellbar. Allein schon, weil viel mehr Menschen im Homeoffice und auch in der Freizeit häufiger zu Hause waren. Allerlei Ziele für Beschäftigungen außer Haus waren praktisch nicht mehr nutzbar: „Wenn jemand zu Hause ist, dann wird da natürlich nicht eingebrochen“, stellt Polizeisprecher Wandel nüchtern fest. Statistisch zeigt sich das aber erst im Mai. Der steht mit 104 Wohnungseinbrüchen im Jahr 2019 da und mit gerade mal 55 in diesem Jahr. „Das ist da genau die Corona-Delle“, erklärt Wandel.

Beim Taschendiebstahl zeigt sich das Bild der Corona-Maßnahmen schon ab April ganz deutlich. Im vergangenen Jahr landeten im März 32 Fälle in der Statistik, in diesem Jahr 33; da tat sich nicht viel. Im April waren es 2019 noch 42 Vorfälle und dieses Jahr 26. Und im Mai schließlich kam man im vergangenen Jahr auf 32 Anzeigen und dieses Jahr auf nicht mal die Hälfte, gerade mal 13 Vorkommnisse im Kreis. Taschendiebstähle sind natürlich seltener, wenn es kaum noch Veranstaltungen gibt und alle Menschen im Freien stets darauf bedacht sind, Abstand zu anderen zu wahren.

Bei Raubüberfällen scheint der Vergleich des Vierteljahreszeitraums nur bei oberflächlicher Betrachtung so eindeutig zu sein. 22 Fälle wurden von März bis Ende Mai 2019 verzeichnet, 13 waren es in 2020. Schaut man allerdings die einzelnen Monate an, fällt auf, dass die Zahlen in der Region ohnehin sehr niedrig sind: Mal sind es acht Taten, mal sechs, mal fünf. Bei so niedrigen Zahlen in einem so überschaubaren Zeitraum lässt sich kaum seriös eine Analyse anstellen: Einzelne Ausreißer nach oben oder unten sind eben immer möglich.

Auch die Daten zur Gewaltkriminalität im Kreis lassen sich nicht ohne Zweifel interpretieren, obwohl die Zahlen bei diesem Feld insgesamt deutlich höher ausfallen. So gingen in März, April und Mai des vergangenen Jahres 70, 73 und 57 Taten in die Statistik ein. Im gleichen Zeitraum des laufenden Jahres waren es erst 64, dann plötzlich nur noch 45 und im Mai wieder 62. Diese Schwankungen, so Polizeisprecher Timm Wandel, könne er nicht wirklich erklären.

Insgesamt sei aber auch eine Statistik über drei Monate eine Momentaufnahme für den Kreis Wesel. „Man müsste das über mehrere Jahre abgleichen, um wirklich eine valide Aussagen treffen zu können“, sagt er. „Aber diese Corona-Beule kann man doch deutlich sehen.“

Außerdem hatten die Pandemie-Bedingungen Auswirkungen auf die Arbeit der Polizei. „Das Anzeigenverhalten der Leute hat sich mit Beginn der Corona-Krise deutlich verändert“, erklärt Timm Wandel. Um Publikumskontakte zu vermeiden, hatte die Behörde darum gebeten, Angelegenheiten vorzugsweise schriftlich zu regeln und Anzeigen wenn möglich online zu stellen. Bei den Bürgern kam man damit offenbar gut an: „Das wird intensiv genutzt.“ Andererseits mussten die Beamten extra Corona-Streifen fahren, um Verstöße gegen die Hygienebestimmungen auszumachen. „Das war ein Aufgabenbereich, der zusätzlich – on top – dazugekommen ist.“ Die Corona-Streifen sind übrigens inzwischen wieder eingestellt. „Aber natürlich haben die Kolleginnen und Kollegen das bei ihren normalen Streifen immer im Blick.“ Nicht zuletzt macht sich das veränderte Kaufverhalten der Menschen bemerkbar. Bekanntlich boomt der Online-Handel während der Krise, und dabei fallen schwarze Schafe auf. „Es hat vermehrt Anzeigen gegeben, die auf Fake-Shops hingewiesen haben.“