Kommentar: Viele Fragezeichen und ein Überraschungskandidat

Bürgermeisterwahl in Moers : Drei Fragezeichen und eine Überraschung

Tritt der Bürgermeister noch einmal zur Wahl an? Was macht die SPD? Und wer ist überhaupt Torsten Gerlach?

Liebe Mitmoerser, es gibt viele gute Gründe, wählen zu gehen: Weil wählen dürfen keine Selbstverständlichkeit ist zum Beispiel; weil wirklich jede Stimme zählt und ich mit meiner Wahl festlege, wer die Menschen sind, die über die Gestaltung des Orts entscheiden, an dem ich lebe. Rund eineinhalb Jahre vor der nächsten Kommunalwahl machen wir uns deshalb jetzt schon Gedanken über Verfahren und Personalien. Viele Parteien hätten bereits mit ihren „strategischen Überlegungen“ zur Bürgermeisterwahl begonnen, sagt die Neukirchen-Vluyner SPD-Fraktionschefin Elke Buttkereit. In Moers betrifft das vor allem die Sozialdemokraten.

Julia Hagenacker, verantwortliche Redakteurin der Lokalredaktion. Foto: tber/lber

Dass der Amtsinhaber für die CDU noch einmal ins Rennen für den Verwaltungschefposten geht, gilt als so gut wie sicher. Offiziell verkünden will Christoph Fleischhauer seine erneute Entscheidung noch vor Ostern. Die SPD hingegen will ihre Anwärter für den Stadtrat und das Bürgermeisteramt am 11. Oktober offiziell vorstellen – wenn sich das Bündnis für Moers (SPD, Grüne, Grafschafter) nicht vorher auf einen gemeinsamen Kandidaten einigt.

Zwei Bewerber soll es, Stand heute, intern bei der SPD geben: eine Frau und einen Mann; eine Akteurin vor Ort und einen Verwaltungsexperten mit Moerser Wurzeln. Beide sollen sich zunächst den Parteimitgliedern vorstellen, bevor man mit Namen an die Öffentlichkeit geht.

Parallel zum internen Kandidatenfindungsverfahren muss sich die SPD als nach wie vor größte Fraktion im Moerser Stadtrat aber auch fragen, ob sie a) bereit ist, gemeinsam mit den Bündnispartnern Grüne und Grafschafter einen gemeinsamen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl aufzustellen, und b), ob diese Person unbedingt ein rotes Parteibuch haben muss. Klar, dass das keine leichte Aufgabe wird. Schließlich ist die SPD zum ersten Mal Teil eines Bündnisses, das den Gedanken an eine gemeinsamen Bewerber auf den Verwaltungschefposten überhaupt erlaubt. Am Ende ist es eine Frage des Selbstverständnisses: Kann die SPD in Moers mit einem Bündnis-Kandidaten leben, der kein Sozialdemokrat ist, aber Bürgermeister „kann“?

Dass ein Bündnis-Kandidat die Erfolgsaussichten erhöht, liegt auf der Hand. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Landesregierung die Stichwahl ab 2020 abschaffen will und es in Moers mit Sicherheit mehr als zwei Interessenten für das Bürgermeisteramt gibt. Mit einem „Vorstellungsgespräch“ bei Amtsinhaber Christoph Fleischhauer hat Torsten Gerlach das Rennen um den Verwaltungschefposten in dieser Woche eröffnet. Der 34-Jährige ist der erste offizielle Kandidat – parteilos und eine echte Überraschung.

Der Hauptkommissar der Bundespolizei, der in der Grafenstadt geboren und aufgewachsen ist, 2004 am Grafschafter Gymnasium Abitur machte und heute gemeinsam mit seiner Ehefrau in Kapellen lebt, meint es ernst mit den Berufsplänen in der Heimatstadt. Seine Kandidatur, sagt er, verstehe er als Bewerbung bei den Bürgern. Ihnen wolle er die Möglichkeit geben, einen tatsächlich unabhängigen Kandidaten ins Rathaus zu wählen. „Einen Kandidaten, der frei ist von jeglichen Partei- und/oder Vereinsnetzwerken.“ Ob das gelingen kann, werden die kommenden Monate zeigen. Vom Überraschungserfolg bis zum Zünglein an der Waage ist bei einer Personenwahl wie der zum Bürgermeister erfahrungsgemäß tatsächlich alles alles drin. Das gilt erst recht, wenn es keine Stichwahl mehr gibt.

 Nach derzeitiger Regelung müssen sich die beiden Kandidaten für das Bürgermeister-, Oberbürgermeister und Landratsamt mit den meisten Stimmen zwei Wochen nach der Kommunalwahl einer Stichwahl stellen, wenn im ersten Wahlgang keiner mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen hinter sich hat. CDU und FDP wollen diese Stichwahl abschaffen und haben einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgelegt. Nach dem Willen der Regierungsparteien soll künftig gewonnen haben, wer im ersten Wahlgang die einfache Stimmenmehrheit erhält. Die SPD im Land droht mit Verfassungsklage. Ohne Stichwahl sei die Gefahr von „Minderheitenbürgermeistern“ zu groß, die sich zwar im ersten Wahlgang knapp durchgesetzt hätten, aber trotzdem von der Mehrzahl der Wähler beim Urnengang abgelehnt worden seien, heißt es. Was das für Moers bedeutet? Schauen wir mal ...

julia.hagenacker@rheinische-post.de

Mehr von RP ONLINE