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Kirche arbeitet Missbrauchsfälle am Martinstift in Moers auf

Verbrechen in Moerser Schülerheim : Kirche arbeitet Missbrauchsfälle am Martinstift auf

Im Fall des 1956 wegen Ausübung sadistischer, sexueller Gewalt an Schülern zu acht Jahren Haft verurteilten Leiters des Moerser Alumnats bemüht sich die Evangelische Kirche um Aufarbeitung.

Wer hat damals nicht hingeschaut? Wer trägt womöglich eine Mitschuld an dem, was in den Jahren 1953 bis 1955 im einstigen Schülerheim Martinstift geschah? Im Fall des 1956 wegen Ausübung sadistischer, sexueller Gewalt an Schülern zu acht Jahren Haft verurteilten Leiters des Moerser Alumnats – unsere Redaktion berichtete – bemüht sich die Evangelische Kirche jetzt intensiv um Aufarbeitung.

„Wir möchten die Kenntnisse, die wir zum jetzigen Zeitpunkt zu den Geschehnissen haben, teilen“, sagte Wolfram Syben, Superintendent des Kirchenkreises Moers, in einem Pressegespräch am Donnerstag, in dem es auch um die Rolle des damaligen Trägervereins des Martinstifts und die Verbindung zur Evangelischen Kirche ging. „Hier für Aufklärung im Sinne der Betroffenen zu sorgen, verstehen wir als unser ureigenes Interesse als Kirchengemeinde, als Kirchenkreis und auch als Landeskirche.“ Hinter den Bemühungen steht ein umfassendes Maßnahmenpaket zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, das die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im November 2018 beschlossen hat. So wurden unter anderem ein Beauftragtenrat und die unabhängige „Zentrale Anlaufstelle.help“ für Betroffene eingerichtet. „Wir wollen es Tätern jetzt und in Zukunft so schwer wie irgendwie möglich machen“, sagte Syben. In den Kirchenkreisen und der Landeskirche arbeite man deshalb zurzeit unter Hochdruck an Schutzkonzepten. Dabei gehe es unter anderem um das Ausmachen von Gefährdungspotenzialen, um Schulungen von Haupt- und Ehrenamtlichen, den achtsamen und aufmerksamen Umgang mit sexualisierter Gewalt, aber auch um Aufarbeitung.

„Im Fall Martinstift gibt es noch Unklarheiten, die wir noch nicht haben lösen können“, so Syben. Fest steht: Träger ist damals der Evangelische Alumnat-Verein mit Sitz in Langenberg. Im Frühjahr 1953 tritt der später verurteilte Studienrat seinen Dienst als Leiter an. Ostern 1954 wird seine Probezeit bis zum 31. März 1955 verlängert. Im Juli 1954 berichtet der Revisor des Alumnat-Vereins von ungewöhnlichen nächtlichen „Kontrollen“ in den Schlafräumen der jüngeren Schüler. Im November 1954 wird der Leiter vom Pfarrer wegen seines Prügelns und unsittlichen Verhaltens gerügt. Der Verein plant den Ablauf des Vertrags zum 31. März 1955.

Am 4. Februar 1955 gibt es eine telefonische Mitteilung an den Vorstand in Langenberg – mit Anschuldigungen gegen den Leiter. Noch am selben Tag reisen daraufhin zwei Vertreter des Vorstands nach Moers und entlassen den Internatsleiter fristlos. Das Betreten des Geländes wird ihm verboten. Die Kriminalpolizei nimmt die Ermittlungen auf. Ab 5. Februar 1955 übernimmt Pastor Fooken die Leitung des Martinstifts.

Ansprechpartner für Betroffene Claudia Paul, Evangelische Hauptstelle für Familien- und Lebensberatung, Graf-Recke-Straße 209a, 40237 Düsseldorf, Telefon: 0211 3610-312 oder -300, E-Mail claudia.paul@ekir.de;ehemalige Schüler des Hauses Rheinland werden gebeten, sich per Mail an Michael.Nollau@gmx.de zu wenden.