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KiBiz-Reform: So läuft ein Tag in einer Moerser Kita ab

Besuch in einer Kita in Moers : Ein Tag zwischen Duplo-Steinen, Windeln und singenden Kindern

Die städtischen Kitas in Moers schneiden einem Qualitätsbericht zufolge gut ab. Doch es gibt auch Herausforderungen. Ein Besuch in der Einrichtung an der Wilhelm-Müller-Straße gibt Einblick.

Die Kinder der Kita an der Wilhelm-Müller-Straße in Asberg stehen im Turnraum der Einrichtung, zwischen ihnen ragen die Mitarbeiter hervor. Alle zusammen singen das bekannte Kinderlied „Bruder Jakob“ – auf Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch und Schwedisch. Danach wird noch gemeinsam zu Musik vom Band getanzt.

Für die Kita-Kinder beginnt jeder Montag so. Das scheint vielen zu gefallen. Überall tanzen Jungen und Mädchen begeistert mit, singen aus vollem Halse. Andere sind zurückhaltender, aber alle machen mit.

Ende November wurde die Reform des Kinderbildungsgesetzes vom Landtag beschlossen. Die Qualität der frühkindlichen Bildung und Betreuung in NRW soll dadurch verbessert werden. Das Jugendamt der Stadt Moers veröffentlichte kurz vor dem Landtags-Beschluss den Qualitätsbericht der städtischen Kitas. Die Kindertagesstätten schnitten darin gut ab, stellten aber auch die Herausforderungen dar, vor denen sie sich sehen.

In der Einrichtung an der Wilhelm-Müller-Straße ist das zum Beispiel der Raummangel. Im Flur vor den Gruppenräumen der Regelgruppen ist mit Klebeband ein Hüpfspiel markiert, daneben gibt es eine Ecke, in der die Kinder in einem Meer aus bunten Polstern toben können. In einem anderen Flur stehen Bobby Cars, daneben ist eine Strecke für die Kinderfahrzeuge abgeklebt. „Wir versuchen jeden Zentimeter zu nutzen“, erzählt Einrichtungsleiterin Anna Erhardt.

Gespielt wird in den Fluren aber erst später. Nach dem gemeinsamen Singen, das jeden Montag und Freitag ansteht, gehen die Erzieher mit ihren Kindern in die Gruppenräume. Jede Gruppe macht dort einen Morgenkreis, bei dem Kinder und Erzieher sich begrüßen und gemeinsam in den Tag starten.

In der Vogelgruppe hat an diesem Montag Riad die Ehre, den Morgenkreis anzuleiten. Mit leiser, zurückhaltender Stimme bittet er die Kinder und Erzieher, ihre Augen zu schließen. Anschließend läutet er mit dem Schlagen der Klangschale das gemeinsame Entspannen ein. Danach spielen alle ein gemeinsames Spiel. Riad entscheidet sich für das Puppentheater.

Fünf Gruppen gibt es in der Kita. In den drei Regelgruppen sind jeweils 23 Kinder zwischen drei und fünf Jahren. Jeweils eine Erzieherin und eine Kinderpflegerin kümmern sich um sie. Kinderpfleger haben eine andere Ausbildung als Erzieher und werden in vielen Einrichtungen eher für pflegende Aufgaben, zum Beispiel das Wechseln von Windeln, eingesetzt. Erzieher hingegen sind auch für die Entwicklungsdokumentation und Elterngespräche zuständig. An der Wilhelm-Müller-Straße merke man den Unterschied aber kaum, so Erhardt: „Unsere Kinderpfleger sind in der Qualität in keiner Weise von den Erziehern zu unterscheiden. Da sind wir sehr glücklich.“

Neben den Regelgruppen gibt es eine Unter-Dreijährigen-Gruppe (U3-Gruppe), in der drei Erzieher zehn Kinder betreuen. In der Mäusegruppe wiederum kümmern sich zwei Erzieher und eine Kinderpflegerin um 15 Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren.

Jeden Morgen frühstücken die Gruppen gemeinsam. In der Vogelgruppe gibt es an diesem Tag noch eine Handvoll Kinder, die in den Essensbereich gehen, nachdem Riad die morgendliche Runde aufgelöst hat. „Keiner bringt bei uns sein eigenes Frühstück mit“, erklärt Anna Erhardt. Das Brot kommt vom Bäcker, den Rest bringen die Kinder für die ganze Gruppe mit.

Nach dem Frühstück können die Mädchen und Jungen spielen, basteln oder eines der Angebote der Mitarbeiter nutzen. Milana baut am liebsten mit Duplo-Steinen. „Ich baue einen Bäcker“, verkündet sie. „Ich baue Igel, die mögen mich“, sagt Elias daraufhin. Und Jule erzählt, dass sie am liebsten Häuser baut. „Ich baue jeden Tag“, sagt die Fünfjährige. Spiele spielt sie aber nicht so gerne: „Weil, ich finde es nicht so schön, zu verlieren.“

Wenige Meter den Gang runter, auf dem Flur vor der Fischgruppe, ziehen sich die Kinder ihre dicken Winterjacken an und gehen nach draußen. Im Außenbereich können sie rumtoben, Sandburgen bauen oder Fangen spielen. „Wir sind ein Bewegungskindergarten“, erklärt Anna Erhardt. „Wir sagen: Jeden Tag muss es rausgehen.“ Deswegen werden regelmäßig auch Ausflüge veranstaltet, zum Beispiel auf einen Spielplatz, in den Wald oder zur Verkehrserziehung. Im Rahmen des Bewegungsangebots werden außerdem regelmäßige Turn-, Tanz- und Entspannungs-Programme angeboten. Erzieher Jannis Wölfling hat ein Fußball-Projekt ins Leben gerufen.

Als einziger männlicher Erzieher sticht er in der Einrichtung heraus. Für ihn ist das aber keine große Sache: „Ich denke, es gibt immer noch dieses Klischeedenken. Mittlerweile gibt es aber eigentlich kaum noch Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Erziehern.“ Außer in der Anzahl. Von den neun Männern, die die Ausbildung mit ihm begonnen hatten, waren am Ende nur drei übrig. Insgesamt arbeiten in allen städtischen Kitas in Moers nur acht männliche Erzieher. Wölfling schätzt, dass die Bezahlung im Kita-Bereich viele Männer abschreckt. In der sozialen Jugendarbeit würde es mehr Geld geben. „Da gibt es auch mehr Männer“, erzählt er.

Die Bezahlung könnte sich gerade für angehende Erzieher ab August 2020 verbessern, wenn das neue Kinderbildungsgesetz in Kraft tritt. Zur Verbesserung der Personallage können Auszubildende nämlich auf mehr Geld hoffen. Ob alles so funktionieren wird, wie es sich die Gesetzgeber vorstellen, da ist Anna Erhardt skeptisch. Sie würde sich freuen, wenn der Personalschlüssel durch die Gesetzesnovelle verbessert werden würde, hat aber auch Angst, dass im Gegenteil sogar Stellen wegfallen. Die angespannte personelle Situation erschwere das gezielte pädagogische Arbeiten.

Gleichzeitig hofft sie, dass der geplante Ausbau der Kita-Plätze umgesetzt wird. Auch in Asberg würden immer wieder Kinder abgelehnt werden, da es zu viele Anmeldungen gebe. „Das ist für viele Familien verständlicherweise frustrierend.“ Auch in Sachen Inklusion wünscht sie sich weniger Bürokratie und mehr Fachkräfte. „Wir müssen schauen, was kommt. Wir werden versuchen, das Beste aus allem zu machen“, resümiert die Einrichtungsleiterin zur bevorstehenden Reform.

Im Flur steigt inzwischen der Duft von Gemüselasagne in die Luft. In der Asberger Kita wird auf ausgewogene Ernährung geachtet, zwei Mal in der Woche gibt es einen vegetarischen Tag. Eine Köchin bereitet die Mahlzeiten frisch zu.

Um 11.30 Uhr sind die beiden Tische in der U3-Gruppe gedeckt. Einige Kinder sitzen schon auf den Stühlen und warten auf das Essen. Zwei Kinder werden nebenan noch gewickelt. Auch beim Essen ist eine pädagogische Betreuung durch die Erzieher wichtig. Sie müssen den zwischen einem und drei Jahre alten Kindern erklären, wie sie den Teller festhalten können, damit er nicht rutscht oder wie sie die Nudelstücke mit ihrer Gabel aufpieken können.

„Man muss in der U3-Gruppe mehr auf die Kinder eingehen als bei den etwas älteren“, erklärt Gabi Kerkenhoff, die sich vor rund sechs Jahren bewusst dazu entschieden hat, die neu gegründete Gruppe für die ganz Kleinen zu übernehmen. „Aber was sehr schön ist, sind die emotionellen Sachen. Die Entwicklungsstufen sind noch viel größer. Ich hab schon Kinder hier gehabt, die bei mir laufen gelernt haben.“

Die Erzieher in der Kita an der Wilhelm-Müller-Straße sind sich eben einig: Trotz der Schwierigkeiten, die die Arbeit mit sich bringt, arbeiten sie gerne mit den Kindern zusammen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So sieht der Alltag in einer Moerser Kita aus