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Kai Gerhard Steinbrich: „Kanalsanierung ist Generationenaufgabe“

Interview Kai Gerhard Steinbrich : „Kanalsanierung ist Generationenaufgabe“

Der Enni-Vorstand erwartet im neuen Jahrzehnt große Investitionen in das Abwassernetz.

 Kai Gerhard Steinbrich, Vorstandsmitglied der Enni Stadt & Service, ist ein Stratege. Der 48 Jahre alte promovierte Diplom-Ingenieur für Energietechnik setzt auf langfristige Planung, die er für günstiger hält als kurzfristiges Reparaturmanagement.

Herr Steinbrich, kennen Sie diesen Witz? Was ist der Unterschied zwischen der Moerser Römerstraße und dem Kölner Dom? Es gibt keinen. An beiden wird ewig gebaut.

Steinbrich Die Römerstraße ist eine Dauerbaustelle. Das nervt die Autofahrer und die Anwohner. Ich danke für ihr Verständnis. Die Baustelle nervt auch die Enni, die in der Kritik steht. Aber anders als beim Kölner Dom ist absehbar, wann sie zu Ende geht.

An der Kreuzung von Römerstraße und Essenberger Straße läuft sie noch ins nächste Jahr. Geplant war, sie dort Ende 2019 abzuschließen.

Steinbrich Ein so großes Infrastrukturprojekt steckt voller Überraschungen. Die Römerstraße wurde zwischen der Kreuzung mit der Homberger Straße bis zur Zufahrt zur A 40 komplett neu gestaltet, inklusive neuem Abwasser- und Regenwasserkanal. Das Unternehmen, das wir mit der Sanierung beauftragt haben, ist immer wieder auf Hindernisse gestoßen. Das waren zum Beispiel Rohre oder Leitungen, die anders lagen, als sie in den Plänen verzeichnet waren. Bis in die 1970er Jahre war man dabei nicht so genau wie heute. In den letzten Wochen haben die Arbeiten außerdem unter den starken Niederschlägen gelitten. Denn wenn es zu nass ist, lassen sich Betonarbeiten nicht sauber ausführen. Obwohl das beauftragte Unternehmen bis vor Weihnachten auch an Samstagen gearbeitet hat, konnte es die Verzögerung nicht mehr aufholen. Wenn der Winter am Niederrhein schnee- und eisfrei bleibt, wie angekündigt, ist die Baustelle im Frühjahr 2020 abgeschlossen.

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Die Baustelle Römerstraße leitet in der Grafenstadt die 2020er Jahre ein, die ein Jahrzehnt der Kanalsanierung werden dürften …

Steinbrich … nicht nur in Moers, sondern in der gesamten Bundesrepublik. Die Kanalsanierung ist eine Generationenaufgabe. Denn all die Kanäle, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er bis in die 1980er Jahre gebaut wurden, sind in die Jahre gekommen. Technisch gesehen halten Ton- oder Betonrohre 70 bis 80 Jahre. Durch äußere Einflüsse wie Bergschäden, Schwerlastverkehr oder Baumwurzelwerk kann sich ihre Lebensdauer aber verkürzen.

15 Prozent des Moerser Kanalnetzes sind „stark mängelbehaftet“, wie es mit dem Fachwort heißt, also defekt.

Steinbrich Wir untersuchen die Kanäle regelmäßig mit Kameras und wissen dadurch genau, in welchem Zustand sie sind, wo sie zum Beispiel Risse haben. Das Hauptkanalnetz hat fast 520 Kilometer. Das sind Schmutz-, Regen- und Mischwasserkanäle. Dazu kommen mehr als 50.000 Schmutz- und Regenwassereinleitungen. 80 Kilometer sind in den nächsten Jahren mit Priorität zu erneuern.

Von 2015 bis 2018 hat Enni zwei Kilometer Hauptkanäle im Jahr erneuert. Das entspricht einer Erneuerungsquote von knapp 0,4 Prozent. Neun Kilometer oder eine Quote von 1,5 Prozent wären aber jedes Jahr zu sanieren.

Steinbrich Bereits als das Kanalnetz der Stadt Moers gehörte, hat sich eine Bugwelle aufgebaut, die auch unter der Enni nicht kleiner geworden ist. Sie beginnt jetzt, sie abzubauen. Das ist nicht einfach. Kanäle liegen immer im Straßenraum und wenn ein Kanal erneuert wird, ist für die Bauphase ein Provisorium zu errichten. Häufig trifft man auf Überraschungen wie andere Leitungen, die nicht genau eingezeichnet sind, oder alte Fundamente, etwa von früheren Ampelanlagen. Manchmal finden sich im Boden Kampfmittel. Dazu muss ein Kanal ein konstantes Gefälle haben und kann unvorhergesehenen Hindernissen nicht ausweichen. Alles ist sehr präzise zu planen, damit Gefälle und Hausanschlüsse an der richtigen Stelle liegen.

In einigen Straßen in Kapellen will die Enni das Schlauchlining einsetzen, um rund zwei Kilometer Kanal „grabenlos“ zu sanieren.

Steinbrich Dieses Sanierungsverfahren kostet deutlich weniger als der Neubau eines Kanals und hält genauso lange. Außerdem ist es weniger aufwändig. Leider lässt sich das Verfahren nicht immer anwenden.

Ob Schlauchlining oder Kanalneubau – Sanierung ist immer eine große Investition, die die Moerser letztlich über die Abwassergebühr bezahlen.

Steinbrich Nichts zu machen, würde die Moerser noch mehr kosten. Die Gebühren steigen nur leicht, weil Kanäle über 50 Jahre abgeschrieben werden. Eine Investition geht über 50 Jahre jedes Jahr nur mit zwei Prozent in die Gebührenrechnung ein. Als Ziel sollen sich die Gebühren trotz Sanierung unterdurchschnittlich entwickeln.

Arbeiten Sie mit ihrem Team schon an einer 2020-Jahre-Kanalstrategie?

Steinbrich Wir arbeiten daran und werden diese wie für die Wasser-, Strom- und Gasnetze mit unserem eigene Fachwissen und externen Sanierungsexperten fachlich ausarbeiten. Dabei wollen wir auch die Erfahrungen einfließen lassen, die wir bei der ersten großflächigen grabenlosen Sanierung in Kapellen machen. Kanalsanierung ist langfristig in Jahrzehnten zu denken, strategisch und mit langem Atem. Sie macht den Wert der Infrastruktur im Boden deutlich. Manchmal wird ihr Wert nicht gesehen, weil sie so selbstverständlich ist. Aber sie ist das Fundament dafür, dass in unserem Alltag oberirdisch jeden Tag alles rund läuft. Unsere Generation hat sie zukunftsfähig für die nächste zu machen.