Moers: Kafkaeske Atmosphäre in der Kapelle

Moers : Kafkaeske Atmosphäre in der Kapelle

Der scheidende Moerser "Improviser in Residence" Michael Schiefer zeigte noch einmal sein Können bei der szenischen Darstellung der Kafka-Erzählung "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" in der Theater-Kapelle.

Ein rundes Podest, zirka 70 Zentimeter hoch, darauf ein Ständer mit zwei iPads, einem Mikrofon und einem Laptop. Um das Podest herum, kreisförmig am Boden liegend, ein zusammengesunkener Vorhang, dazu ein paar Scheinwerfer und überall in den Ecken unterm Dach verteilt diverse Lautsprecher. Das war die Kulisse. Alles andere war stimmliches und schauspielerisches Können.

In einem seiner letzten Auftritte als diesjähriger Moerser "Improviser in Residence" zeigte Michael Schiefer einmal mehr seine künstlerische Vielfältigkeit. Unter der Regie von Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb fesselte er am Freitagabend in der bis auf den letzten Stuhl besetzten Theater-Kapelle an der Rheinbergerstraße sein Publikum gut zwei Stunden lang mit einer eigenwilligen, szenischen Darstellung von Franz Kafkas Erzählung "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse".

In dieser, seiner letzten, kurz vor seinem frühen Tod geschriebenen Fabel stellte Kafka nicht nur die Frage nach dem Wert des künstlerischen Tuns innerhalb einer Gesellschaft, sondern auch, wie viel Individualität einem Künstler dabei zugestanden werden sollte. Und zwar nach dem Motto: "Wer bestimmt eigentlich, was wirkliche Kunst oder nur eitle Selbstdarstellung ist?"

Josefine findet, dass sie mit ihrem Gesang die Mäusegesellschaft vor allen in schlechten Zeiten vor Angst und anderen emotionalen Nöten bewahrt, und fordert daher, von jeder anderen Arbeit befreit zu werden. Das sehen nicht alle ihrer Stammesgenossen so. Im Gegenteil, sie halten Josefines Gesang in der Mehrzahl für nichts anderes als schlechtes Gepfeife und wundern sich, warum sie damit dennoch immer wieder massenhaft Zuhörer anzieht.

Dabei ließen die von Michael Schiefel wechselweise mal gesprochen, mal singend und dann wieder "nur" mit elektronisch verstärkten Mundgeräuschen vorgetragenen Argumente der Kafka'schen Mäusegesellschaft die Sängerin selber den ganzen Abend gar nicht zu Wort kommen. "Unser Volk ist gleichzeitig kindlich und vorzeitig alt. Wir sind zu alt für Musik", lauteten die zwischenzeitlich aus den Lautsprechern in den Dachecken vernehmbaren Volkskommentare.

"Kriegen wir in der Not wirklich neue Kräfte durch Josefines Gesang?", fragten die gleichen Lautsprecher wenig später in einer anderen von Michael Schiefel elektronisch modifizierten Stimmlage. "Nein, alles nur Eitelkeit", äußerte sich das Mäusevolk schließlich in zahllosen über einander gelagerten Stimmen, um kurz darauf in ein fröhlich lautes, kindliches Gequietsche auszubrechen.

Dann plötzlich totale Dunkelheit und Stille. Josefine hatte ihr Volk verlassen, und auch Michael Schiefel verschwand anschließend unter dem Absingen von arienartigen Operntönen wie weggezaubert hinter dem ringförmigen, hochgezogenen Podestvorhang, und hinterließ dort zur Verblüffung der Zuschauer nach dessen Fall lediglich eine überdimensional große Mausefalle. In diesem Fall jedoch ohne Opfer, denn schon kurze Zeit später entstieg der scheidende Moerser "Improviser in Residence" dem Kulissensockel unversehrt aus einer zuvor unsichtbaren Klappe und nahm strahlend mit seinen technischen Helfern und Intendant Ulrich Greb den begeisterten Applaus des Premierenpublikums entgegen.

(RP)
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