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Junger Moerser berichtet von seiner Zeit in Tansania

Freiwilligenjahr in Tansania : „Ich hätte gerne mehr erreicht“

Im August 2019 brach der Moerser Lennart Sillmann zu einem Freiwilligenjahr nach Tansania auf. Er arbeitete dort für das „Forum Climate Change“. Das Projekt konnte er aber nicht zuendebringen. Der Grund: Corona.

Seine letzten Stunden in Tansania waren nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Lennart Sillmann (20) erholte sich gerade von einer Blinddarm-Operation. In seinem Heimatland wurde der Lockdown ausgerufen und auch in Tansania durfte ihn nur noch sein Gastbruder im Krankenhaus besuchen. Von einer Ärztin erfuhr er, dass alle Freiwilligen der Organisation „Weltwärts“ so schnell wie möglich nach Deutschland zurückkehren sollten. Kurzer Abschied von der Gastfamilie, zwei Tage später, am 21. März, saß er im Flieger nach Deutschland.

Dabei hatte sich Lennart, der im August 2019 zum Freiwilligendienst für das „Forum Climate Change“ nach Tansania aufgebrochen war, gerade so richtig an das afrikanische Land gewöhnt. An die Hitze, die langen Wege in die Stadt. Daran, angesprochen zu werden, weil er weiß ist. Daran, dass Wasser ein kostbares Gut ist.

Mit seiner Arbeit bei der Nichtregierungsorganisation (NGO) wollte er dem Klimawandel etwas entgegensetzen und den betroffenen Menschen helfen. Dazu zählen zum Beispiel tansanische Frauen, die über dem offenen Feuer kochen müssen und sich den Gasen aussetzen, weil die Stromversorgung so schlecht ist. Lennart hat es selbst erlebt: Seine Gastfamilie gehörte zwar zu den gutsituierten Tansaniern, doch auch sie hatte hinter dem Haus eine Feuerstelle. „Der Staat ist der einzige Stromanbieter und verteilt ihn nach einem Prepaidsystem“, sagt Lennart. Man zahlt einen beliebigen Betrag ein, kann so viel Strom verbrauchen, wie für dieses Budget geboten wird und lädt dann erneut Guthaben auf. Doch oft ist die Versorgung instabil, es gebe regelmäßig Ausfälle. Wer es sich leisten kann, schafft sich einen Gasherd an.

Auch mit dem Wasser gab es häufig Probleme, ein bis zwei Tage lang kam dann nichts mehr aus der Leitung. Für solche Fälle haben viele Familien einen Brunnen hinter dem Haus oder Regenwassertanks. Lennart nahm dann einen Fünf-Liter-Eimer, füllte ihn im Garten auf und wusch sich mit dem eiskalten Wasser. Eine Erfahrung, die ihn achtsamer und sparsamer im Umgang mit dem wertvollen Nass gemacht hat.

Und doch: Er hat sich in der Familie sehr wohl gefühlt. Sein Gastbruder Dixon Kijazi (22) hat ihn schon am ersten Tag in der Nachbarschaft herumgeführt. Er hat viel auf Englisch mit ihm gesprochen, gemeinsam haben sie die Millionenstadt Daressalam erkundet. Dixon ist ein guter Freund geworden. Und es war immer viel los im Haus: Neben der Gastmutter, dem Hausmädchen und Dixon, wohnten immer wieder unterschiedliche Verwandte, Bekannte und Freunde im Wohnzimmer.

„In Tansania bezeichnet man sehr enge Freunde als ‚Cousin‘, obwohl sie gar nicht mit einem verwandt sind“, erklärt Lennart. Das sei für ihn verwirrend gewesen, doch die Gastfreundlichkeit hat er sehr geschätzt. Genauso wie die Tatsache, dass jeder auf Englisch mit ihm gesprochen hat. Das ist nicht selbstverständlich. Obwohl sie die Sprache in der Schule lernen müssen, beherrschen viele Tansanier sie nur bruchstückhaft. Das liegt daran, dass vor allem ärmere Menschen nur wenige Jahre ihres Lebens eine Bildungseinrichtung besuchen und früh anfangen zu arbeiten.

Deshalb versuchte Lennart, seine Suhaeli-Kenntnisse auszubauen. Zu Beginn des Freiwilligendienstes hatte er einen einwöchigen Sprachkurs. Das musste erst einmal reichen, um auf dem Markt zu feilschen. „Die Waren wurden mir oft für den doppelten Preis angeboten, weil man als Weißer als reich gilt“, sagt Lennart, der im vergangenen Jahr sein Abitur gemacht hat und von seiner Organisation ein Taschengeld bekommt.

Bei der Arbeit für die NGO konnte er sich jedoch auf Englisch verständigen. Es gab viel Büroarbeit – Social-Media-Kanäle bespielen, Onlinekonferenzen dokumentieren und auswerten, ein Netzwerk für den schnellen Datenaustausch schaffen. Lennart sollte in jeden Bereich hineinschauen und sich nicht auf einen spezialisieren: „Schließlich wäre ich nicht für ein bestimmtes Arbeitsfeld qualifiziert gewesen“, betont der 20-Jährige. Er habe ja noch keinen Studienabschluss.

Doch in ein Projekt habe er viel Zeit investiert: Er wollte mit einem Kollegen dafür sorgen, dass tansanische Frauen Geld verdienen und gleichzeitig etwas für die Umwelt tun, indem sie Müll sammeln. Dieser sollte dann mit verschiedenen Strategien recycelt werden – und nicht verbrannt, wie es sonst in Tansania üblich ist. Aus dem Biomüll sollte Kompost werden und dann Biogas entstehen.

Doch Corona kam dazwischen. Bevor Lennart und sein Kollege die Ideen umsetzen konnten, mussten sie zurück in ihre Heimat. Lennart stimmt das etwas missmutig. Er freue sich zwar, nun wieder unter guten hygienischen Bedingungen zu leben. Doch er hätte gerne mehr erreicht in Tansania, sein Projekt am liebsten erfolgreich zu Ende geführt.

Wenn er an seine letzten Tage in Tansania zurückdenkt, wird ihm bewusst, dass das Land die Pandemie unterschätzt hat. „Viele waren der Ansicht, dass sie wegen ihres hohen Melanin-Spiegels nicht so stark an dem Virus erkranken können“, sagt Lennart. Sein Gastbruder hat ihm eine Flasche Desinfektionsmittel gegeben, als er ihn aus dem Krankenhaus abholte. Immerhin. Hygienemittel waren in Tansania knapp, als er das Land verließ.

Er hofft, dass seine Gastfamilie die Krise gut übersteht, während er in Deutschland Online-Seminare der NGO mitmacht. Vor seinem Studium im Herbst möchte er sich weiter engagieren – im Kampf gegen den Klimawandel.