Moers: Julia Hülsmann lässt ihre Zuhörer träumen

Moers : Julia Hülsmann lässt ihre Zuhörer träumen

Das Moers Festival legte musikalisch das ganz große Besteck auf: 23 Formationen, darunter allein sieben Bigbands aus aller Welt, und eine besondere Uraufführung: Julia Hülsmanns "Not fast enough".

Emily Dickinson, Margaret Atwood und Walt Whitman: Julia Hülsmann hat am Pfingstwochenende die Poesie in die neue Festivalhalle und aufs Moers Festival getragen. Die Moerser Stadtmusikerin, die für ein Jahr in Moers arbeitet, hat die ersten Monate ihrer Moerser Residenz genutzt, um Stücke für das Festival zu schreiben. Dafür ließ sich Julia Hülsmann von Margaret Atwoods Gedicht "Walking was not fast enough" inspirieren. Der Text, der davon erzählt, dass jede Gangart, ob Laufen oder Galopp, eigentlich nicht schnell genug ist, war Arbeitstitel des Konzerts.

"Alles muss heute immer schnell gehen, schnell sein", erklärt Julia Hülsmann ihren Zuhörern die Botschaft ihres Songs. "Die Seele bleibt dabei auf der Strecke." Dabei wäre diese Erklärung gar nicht nötig gewesen. Kaum ist der erste Ton gespielt, hat sie das Publikum in ihren Bann gezogen. Es lässt sich mit der Musik treiben und auch zum Träumen bringen. Es folgen eine weitere Atwood-Vertonung sowie Kompositionen, zu denen Lyriker wie Emily Dickinson und Walt Whitman die in Berlin lebende Jazzpianistin inspiriert hatten. Whitmans "A noiseless patient Spider" haben Fans der Moerser Stadtmusikerin bereits in einer anderen Besetzung Anfang des Jahres erlebt - in einem Konzert mit Vorgänger Michael Schiefel.

Aber auch für den großen Auftritt in der Festivalhalle hat sich Julia Hülsmann kongeniale Partner in die Band geholt: Moritz Baumgärtner am Schlagzeug, Hayden Chisholm am Saxofon und Sänger Theo Bleckmann. Der Jazz-Sänger und Komponist war bereits 2008 auf dem Moers Festival zu erleben. Er gibt den Vertonungen Hülsmanns die perfekte Stimme, ob er nun die Texte singt, lautmalerisch den Klang von Klavier und Saxofon aufgreift oder mit elektronischen Mitteln echoende Klänge erzeugt. Das Publikum ist begeistert, und Julia Hülsmann findet : "Es fühlt sich gut an - hier in der neuen Festivalhalle."

Dieses gute Gefühl zog sich durch das Festivalwochenende, das von 44 Kontrabassisten um Musiker Sebastian Gramss eröffnet wurde. Wer bei so einer großen "Bassmasse", bestehend aus einer Tonne Holz, Stahl und vier Tonnen lebend Gewicht, erwartet hatte, dass es kracht, wurde eines Besseren belehrt. 44 Kontrabasse können genauso poetisch sein wie die Vertonungen von Julia Hülsmann. Ein seltenes Musik-Erlebnis. Und manchmal braucht es nicht mehr als zwei Drummer und Percussionisten wie Joey Baron und Robyn Schulkowsky, um Musik auf höchstem Niveau zu machen. Das Moers Festival blieb sich in der 43. Ausgabe treu und präsentierte, was sich aktuell in der neuen Musik tut - mit Neuentdeckungen wie "Idea Bread" aus den USA, aber auch Spezialisten für das Klang-Experimentelle wie Jaki Liebezeit und Marcus Schmickler, die aus der Wiederholung das Besondere machen.

(cas)
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