Job-Chance in Zeiten des Fachkräftemangels

Job trotz Schwerbehinderung : Chance in Zeiten des Fachkräftemangels

Bauunternehmer Michael Müller hat Jens Meyer als Polier eingestellt. Der 47 Jahre alte gelernte Maurer und Betonbau-Meister ist Dialyse-Patient und damit schwerbehindert. Unterstützung erhielten Arbeitgeber und Arbeitnehmer von der Arbeitsagentur.

„Erfahrene Fachkraft dringend gesucht“, heißt es bei vielen Unternehmen am Niederrhein. Doch was, wenn der Bewerber zu den 7,6 Prozent Arbeitnehmern zählt, die eine Schwerbehinderung haben? Mit steigendem Alter der Bewerber ist das gar nicht so unwahrscheinlich. Denn bei 93 Prozent der Menschen, die einen anerkannten Grad der Behinderung von mindestens 50 haben, ist diese nicht angeboren, sondern durch eine Krankheit entstanden. „Hier schlummert großes Potential, das für die Betriebe gerade in Zeiten des Fachkräftemangels extrem wertvoll ist“, weiß Stefan Schapfeld, der bei der Agentur für Arbeit Wesel Teamleiter im Bereich Reha und Schwerbehinderung ist.

Die aktuelle Statistik besagt, dass jeder zweite der schwerbehinderten Arbeitslosen eine Tätigkeit als Fachkraft sucht. Allerdings gibt es auf Seiten der Arbeitgeber aber oft Vorurteile und Ängste, so dass die Vermittlung nicht gelingt. Wie muss der Arbeitsplatz umgebaut und neu organisiert werden? Was ist, wenn ein Mitarbeiter langfristig ausfällt? Wo kann ich Zuschüsse beantragen? Ein Wust von bürokratischen Anforderungen und ungeklärten Fragen wirke oft abschreckend, sagt Martina Tück. Sie ist bei der Agentur für Arbeit Ansprechpartnerin für die Arbeitgeber. Auch Bauunternehmer Michael Müller aus Alpen hatte viele Fragen, als er sich entschloss, Jens Meyer als Polier einzustellen.

Der 47-Jährige gelernte Maurer und Betonbau-Meister ist Dialyse-Patient und wird dreimal in der Woche für fünf Stunden an eine Maschine angeschlossen, die sein Blut reinigt und ein Nierenversagen verhindert. Nachdem sein vorheriger Arbeitgeber, bei dem er 18 Jahre lang tätig war, Konkurs angemeldet hatte, hatte er wochenlang jeden Tag Bewerbungen geschrieben. Sobald er im Bewerbungsgespräch seine Erkrankung erwähnte, winkten die Chefs ab. Nicht so Müller.

„Ich habe meine 20 Mitarbeiter zusammengerufen und ganz offen gefragt: Wie können wir das schaffen?“, sagt Müller. Gemeinsam wurde beschlossen, Meyer eine Chance zu geben.

Zum 1.Mai wurde er eingestellt. Müller ist froh, einen so fähigen Mitarbeiter zu haben, dem er die Leitung der Baustelle anvertrauen kann. „Man muss natürlich in die Planung einbeziehen, dass der Mitarbeiter dreimal in der Woche bereits um 13 Uhr weg muss“, so Müller, „doch inzwischen haben sich alle daran gewöhnt und es funktioniert gut.“ Wichtig war ihm, dass alle Mitarbeiter den organisatorischen Mehraufwand mittragen. Manchmal sei es auch möglich, dass Meyer vormittags zur Dialyse in Dinslaken gehe, wenn nachmittags wichtige Baustellen-Termine anstünden. Auch sei Meyer für Rückfragen während der Dialyse telefonisch erreichbar.

Der Bauunternehmer fühlte sich in allen Fragen gut von Martina Tück betreut, unter anderem bei Förderanträgen bei der Arbeitsagentur, dem Landschaftsverband Rheinland und der Rentenkasse. Im Rahmen der 8. Woche der Menschen mit Schwerbehinderung will die Agentur für Arbeit mit diesem positiven Beispiel mehr Arbeitgeber ermutigen, Bewerber mit einer Behinderung bei Einstellungen zu berücksichtigen.

Bauunternehmer Michael Müller übererfüllt damit die Pflichtquote, die für sein Unternehmen gilt. Andere Unternehmen, die ihrer Pflicht zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen nicht nachkommen, zahlen eine Ausgleichsabgabe, die laut Gesetzt für die Förderung von Inklusion in der Arbeitswelt eingesetzt wird.

Jens Meyer, seine Familie und sein neuer Chef hoffen indes, dass er nach der Transplantation einer neuen Niere zukünftig wieder voll und ganz einsatzfähig ist.

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