Moers: "Ich hatte Todesangst"

Moers : "Ich hatte Todesangst"

Ein Geistesgestörter wollte Mareike M. im November 2008 erwürgen. Nur mit Hilfe ihrer Familie, von Freunden und Kollegen sowie psychologischer Betreuung konnte die 26-Jährige wieder ins normale Leben zurück finden.

Als Mareike M. am frühen Morgen um 5.40 Uhr ihren Wagen direkt vor der Moerser Polizeiinspektion einparkt, registriert sie den schmächtigen Mann, der auf dem Bürgersteig auf und ab geht, zunächst nur beiläufig. "Der wartet wohl auf jemanden", denkt die Krankenschwester. Als sie kurz darauf den Wagen verlassen will, um im gegenüberliegenden St.-Josef-Krankenhaus zur Frühschicht zu gehen, stürzt sich der Mann plötzlich auf sie und würgt die 25-jährige Frau. "Im ersten Augenblick wusste ich überhaupt nicht, was passierte. Ich hatte Todesangst. Ich dachte, meine letzte Stunde hätte geschlagen", erinnert sie sich heute.

Mareike M. schreit laut um Hilfe. und versucht sich zu wehren. Der Angreifer wird daraufhin nur noch aggressiver. Er traktiert sein Opfer jetzt auch mit massiven Schlägen. "Plötzlich hat er los gelassen und ist geflüchtet — wahrscheinlich, weil ich so laut geschrien habe", vermutet die junge Frau, die mit ihrem Ehemann in Alpen lebt.

"Töte diese Frau!"

Die Beamten in der Polizeiwache bekommen von dem Drama, das sich vor ihrer Haustüre abspielt, nichts mit. Per Zufall kommt eine Kollegin der Krankenschwester vorbei, die sich um Mareike M. kümmert und mit ihr zur Polizei geht. Der Täter wird kurz drauf gefasst. Es handelt sich um den 41-jährigen Wladimir W., der aus Kasachstan stammt. Der Mann ist geistesgestört: Von einer Stimme aus einer Wolke über ihm will er den Befehl "Töte diese Frau!" erhalten haben. Die Behörden weisen ihn in eine psychiatrische Klinik in Rheinberg ein. Monate später ist der Mann wieder auf freiem Fuß. Er flüchtet nach Sibirien und entzieht sich so dem Prozess wegen versuchten Totschlags, der ihm im Oktober 2009 gemacht werden sollte. "Ich bin verwundert darüber, dass so ein Mann wieder unter Menschen durfte, er stellte doch nach wie vor eine Bedrohung und Gefahr für andere dar", sagt Mareike M.

Sie selbst wurde etwa eineinhalb Wochen nach der Tat mit einer Beamtin der Abteilung Opferschutz von der Kreispolizeibehörde kontaktiert. Die Expertin nannte ihr verschiedene Möglichkeiten, Hilfe ein zu holen — unter anderem auch die Trauma-Klinik in Duisburg-Wedau. "Dort habe ich mehrfach angerufen und auf den Anrufbeantworter gesprochen. Bis heute habe ich keinen Rückruf erhalten", sagt die Frau. Dabei brauchte die Krankenschwester nach dem traumatischen Erlebnis dringend Hilfe und Beistand von Fachleuten. "Ich war nicht gerne allein Zuhause und hatte Angst, zur Frühschicht zu fahren. Mein Ehemann arbeitet auch im Schichtdienst. Abends musste er immer wieder anrufen und sich nach mir erkundigen. Zum Einschlafen brauchte ich Baldrian oder Beruhigungs-Tees", berichtet die heute 26-Jährige.

"Möglichst lange wegsperren"

Wirkliche und effektive Hilfe bekam sie von Kollegen im St.-Josef-Krankenhaus. Ein Kollege von der Mitarbeitervertretung vermittelte ihr den Kontakt zu einem Psychologen in Duisburg, Kolleginnen begleiteten sie zur Arbeit oder holten sie am Auto ab, das Krankenhaus stellte ihr einen festen Parkplatz zur Verfügung. "Ohne die Zuwendung durch meine Familie, die Hilfe durch das Team von der Intensivstation und die Betreuung durch den Psychologen hätte ich nicht so schnell wieder ins normale Leben zurück finden können", sagt die junge Frau.

Als Mareike M. Anfang Januar als Zeugin vor dem Landgericht Kleve aussagt, konzentriert sie sich fast ausschließlich auf den Vorsitzenden Richter Ulrich Knickrehm. "Ich habe sonst nichts im Gerichtssaal registriert und war froh, als es vorbei war." Wladimir W. wurde wegen Schuldunfähigkeit vom Vorwurf des versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung freigesprochen. Weil auch die Sachverständigen festgestellt hatten, dass von W. weiterhin eine Gefahr ausgeht, verfügte das Gericht die Einweisung in eine psychiatrische Klinik auf unbestimmte Zeit. "Hauptsache, der Mann wird weggesperrt — und zwar möglichst lange", so der Kommentar des Opfers.

(RP)
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